Vor 70 Jahren endete mit der Kapitulation Hitler-Deutschlands der Zweite Weltkrieg. In Lichtenberg gibt es daher viele Veranstaltungen. Die Fraktion DIE LINKE will dieses Ereignis nutzen, um die Straße Alt-Friedrichsfelde in „Straße der Befreiung“ zu benennen. So hieß die Magistrale bereits von 1975 bis 1992. Dagegen regt sich Widerstand. Von Marcel Gäding.

Müssen die Straßenschilder in Alt-Friedrichsfelde getauscht werden? Foto: Marcel Gäding
Müssen die Straßenschilder in Alt-Friedrichsfelde getauscht werden? Foto: Marcel Gäding

LICHTENBERG. In wenigen Tagen ist es 70 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg beendet wurde. Lichtenberg gehört zu jenen Orten, denen in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zuteil wird: So wurde unter anderem in Karlshorst die bedingungslose Kapitulation Hitler-Deutschlands gegenüber den Alliierten erklärt. Zudem rückte die Rote Armee über die Straße Alt-Friedrichsfelde Richtung Innenstadt vor.

Der Bezirk gedenkt mit vielen Veranstaltungen an das Ende des Zweiten Weltkrieges. So findet am 21. April um 18 Uhr im Schloss Hohenschönhausen (Hauptstraße 44, 13055 Berlin) eine Gedenkveranstaltung mit Lesung statt. Unter anderem geht es darum, wie die Menschen in Hohenschönhausen das Kriegsende erlebten.

Das Deutsch-Russische Museum startet ebenfalls mit zahlreichen Veranstaltungen ins Gedenkjahr. Am Ort der Kapitulation wird unter anderem das Museumsfest am 8. Mai ab 10 Uhr ein Höhepunkt sein. Am historischen Ort werden eine Sonderausstellung und Filme zum Thema „Befreiung“ gezeigt. Führungen, Infostände, Gespräche, Lesungen, Konzerte, Kulinarisches und ein Feuerwerk runden das Programm ab. Höhepunkt des Festes ist der „Toast auf den Frieden“ um 22 Uhr.

Geht es nach der Fraktion DIE LINKE, heißt die Straße Alt-Friedrichsfelde bald „Straße der Befreiung“. Ein entsprechender Antrag wird demnächst im Kulturausschuss der Bezirksverordnetenversammlung behandelt. Dessen Mitglieder sind immer dann gefragt, wenn Straßenumbenennungen auf der Tagesordnung stehen. Das Pikante aber an dem von der Linksfraktion angestoßenem Projekt: Die Magistrale zwischen dem Bahnhof Lichtenberg und Biesdorf hieß bereits von 1975 bis 1992 auf Geheiß der SED „Straße der Befreiung“. Entsprechend scharf bläst der Wind Richtung LINKE. Diese will aber das Vorhaben umsetzen, plant für den 21. April um 16 Uhr am Haus der ehemaligen sowjetischen Kommandantur an der Ecke Alt-Friedrichsfelde und Rosenfelder Straße eine symbolische Umbenennung.

„Das Bezirksamt wird ersucht einen Diskussionsprozess mit der Bürgerschaft darüber zu führen, die Straße Alt-Friedrichsfelde in Straße der Befreiung rückzubenennen“, heißt es in dem Antrag, über den sich in der BVV-Sitzung am 19. März eine lange Debatte entfachte. Grund dafür sind auch die Formulierungen in dem Papier. „Im Zuge zahlreicher Straßenumbenennungen Anfang der 1990er Jahre wurde am 30.01.1992 die Straße der Befreiung in Alt-Friedrichsfelde rückbenannt“, heißt es da. Und weiter: „Diese geschichtsvergessene Entscheidung gilt es mit Blick auf den 70. Jahrestag der Befreiung zu korrigieren.“ Zitiert wird in dem Text auch der kürzlich verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der 1984 in einer viel beachteten Rede anlässlich der Kapitulation Nazi-Deutschlands von einem „Tag der Befreiung“ sprach.

Antrag spaltet Bezirksverordnete in verschiedene Lager

Ihm sei wichtig, eine Diskussion anzustoßen und „die Menschen in diesem Prozess mitzunehmen“, sagte LINKE-Fraktionsvorsitzender Daniel Tietze in der BVV. „Eine Entscheidung ohne Beteiligung und gegen den ausdrücklichen Willen der Betroffenen kann es hierzu nicht geben“, erklärte Tietze weiter. „Uns geht es um nicht mehr und nicht weniger als die Anerkennung von geschichtlichen Leistungen.“ Doch die LINKE hat die Rechnung ohne die anderen Parteien gemacht. Von CDU, SPD und Grüne gibt es Kritik. „Das können wir so nicht mittragen“, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Dr. Erik Gührs. „Wir werden keinen Beschluss fassen, der 1975 auf den Beschluss einer Einparteien-Diktatur zurückzuführen ist“, sagte Gührs in der BVV. Er kritisiert zudem, dass das Wort Befreiung nicht ganz stimmt. „Der Antrag blendet einen Teil der Geschichte nach 1945 aus“, sagte Gührs. CDU-Fraktionsvorsitzender Gregor Hoffmann sprach von einem mutigen Antrag, findet aber skurril, ausgerechnet Richard von Weizsäcker zu zitieren. Die Mitglieder des Kulturausschusses sollten sich gut überlegen, „ob sie einen solchen Prozess“ lostreten wollen.

Angesichts der Stimmenverhältnisse in der Bezirksverordnetenversammlung ist davon auszugehen, dass das Ansinnen der Linksfraktion scheitert. Der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Dr. Hubertus Knabe, fragt sich, ob der Vorschlag satirisch gemeint ist. „Möglicherweise wollen die Antragsteller ja auch noch die Torstraße in Wilhelm-Pieck-Straße zurückbenennen oder die Frankfurter Allee in Stalinallee“, erklärt der Historiker gegenüber dem Bezirks-Journal. In Lichtenberg gebe es zudem noch genug Überbleibsel aus der DDR-Zeiten – zum Beispiel die Josef-Orlopp-Straße, die immer noch an einen SED-Gewerkschaftsfunktionär und Volkskammerabgeordneten erinnere. „Wenn Linke und Piraten etwas für eine demokratische Erinnerungskultur im Bezirk tun wollen, könnten sie 25 Jahre nach der Wiedervereinigung diese Straße in Bärbel-Bohley-Straße umbenennen lassen“, lautet Knabes Einwurf.

veröffentlicht am 14. April 2015

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