Vier Berliner Bezirke eröffnen im Herbst eine  Jugendberufsagentur. Marzahn-Hellersdorf wird Modellbezirk sein. Die Zahlen der vergangene Jahren zeigen: Vom Osten kann man was lernen. Von Marcel Gäding.

Enrico Stölzel vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf und Delia Schäfer vom Jobcenter arbeiten Tür an Tür im Match-Point. Foto: Marcel Gäding
Enrico Stölzel vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf und Delia Schäfer vom Jobcenter arbeiten Tür an Tür im Match-Point. Foto: Marcel Gäding

MARZAHN-HELLERSDORF. Noch immer suchen rund 1.300 junge Menschen in Marzahn und Hellersdorf einen Job. Viele unter ihnen haben weder einen Schulabschluss, geschweige eine Ausbildung. Genau hier soll ab Oktober die neue Jugendberufsagentur Lösungen finden, abgestimmt auf den jeweiligen Einzelfall. Denn Marzahn-Hellersdorf ist Modellbezirk für diese neue Einrichtung, in der ab Herbst junge Menschen bis zum 25. Lebensjahr auf ihrem Weg ins Berufsleben begleitet werden. „Die Jugendberufsagentur ist eine völlig neue Einrichtung“, sagt Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD). „An einem Ort werden wir Beschäftigungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für junge Leute konzentrieren“, kündigt der Rathaus-Chef an.

Dass ausgerechnet Marzahn-Hellersdorf Modellbezirk für diese neue Einrichtung werden soll, darum hat Komoß persönlich gekämpft. Ganz selbstbewusst verweist der Sozialdemokrat auf die Erfahrungen des Bezirks bei Projekten, die Zahl der jungen arbeitslosen Menschen im Bezirk abzubauen. Waren 2012 noch 2.700 Menschen unter 25 Jahren ohne Perspektive, sind es aktuell „nur“ noch 1.300. Seit Anfang 2013 arbeiten Mitarbeiter des Bezirks­amtes, des Job-Centers und der Agentur für Arbeit im Rathaus Helle Mitte Tür an Tür im sogenannten Match-Point. Dabei handelt es sich um eine behördenübergreifende Einrichtung, die junge Menschen auf dem Weg ins Berufsleben berät und für einige auch direkt einen Praktikums- beziehungsweise Ausbildungsplatz organisieren konnte.

Über Behördengrenzen hinweg soll auch die Jugendberufsagentur arbeiten: Am Standort Rhinstraße, im Haus des Job-Centers, werden laut Komoß 35 Mitarbeiter des Job-Centers, 15 Mitarbeiter der Agentur für Arbeit und 15 Mitarbeiter aus den Fachabteilungen des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf unter einem Dach arbeiten. Spätestens in der zweiten Oktoberhälfte nehmen die Angestellten ihre Arbeit auf und arbeiten fortan Tür an Tür. Bis dahin wird eine in der vergangenen Woche ins Leben gerufene Lenkungsrunde ganz banale Fragen klären – die reichen von der Frage des Empfangs bis zum Leistungskatalog, von der Hausordnung bis hin zu den Abläufen untereinander. Auch die Frage, wer Chefin oder Chef der Einrichtung wird, muss dort noch beantwortet werden.

Für die Jugendberufsagentur wurden eigens Räume angemietet. „Darüber hinaus erhalten wir für Coachingprojekte 250.000 Euro und die Finanzierung von zwei Stellen der Jugendberufshilfe“, sagt Komoß. Die Kosten für Miete trägt das Bezirksamt, die Personalkosten werden von Bezirksamt, Job-Center und Agentur für Arbeit beglichen. „In dem Sinne werden ja keine neuen Stellen geschaffen, sondern die entsprechenden Mitarbeiter lediglich an einem Standort untergebracht“, sagt Stefan Komoß. Zum künftigen Klientel der Jugendberufsagentur gehören aber nicht nur die ganz harten Fälle, auch Schulabgänger stehen im Fokus der neuen Einrichtung, vornehmlich aus den neunten und zehnten Klassen. Komoß hofft, dass die Zahl der arbeitslosen Menschen unter 25 Jahren innerhalb der kommenden zwei Jahre auf 500 reduziert werden kann. Politisch passt das Projekt gut zum Bezirksbürgermeister, der mit seinem Amtsantritt 2011 verkündete, die Jugendarbeitslosigkeit in seinem Bezirk „zu beseitigen“. Das Vorhaben wurde in einem Masterplan festgeschrieben, der wiederum Grundlage für den Match-Point im Rathaus Helle Mitte war.

Dort, in der sechsten Etage, haben Match-Point-Chef Enrico Stölzel und seine beiden Kolleginnen gerade ganz frische Zahlen zusammengestellt: Seit Januar 2013 hatten die drei Match-Point-Kollegen 197 Vermittlungen von Jugendlichen in Praktika oder Ausbildungsplätze, 750 Kontakte und 802 Termine – unter anderem bei Betrieben vor Ort, in Schulen, bei Elternabenden oder vor Ort im Rathaus. „Hier gibt es keine Warteschlange, die Termine werden individuell vereinbart“, berichtet Stölzel. Die Erfahrungen, die seine Kolleginnen und er gesammelt haben, fließen auch in die Jugendberufsagentur ein. Im Gegensatz zu Spandau, Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg, wo ebenfalls bis Herbst solche Einrichtungen entstehen, hat Marzahn-Hellersdorf einen Vorsprung. „Wir kennen uns untereinander, arbeiten erfolgreich zusammen“, berichtet Stölzel. Dass bereits auf kleiner Ebene Bezirksamt, Job-Center und Agentur für Arbeit kooperieren, sei sehr effektiv. Wie konkret das aussieht, evaluiert derzeit die Alice-Salomon-Hochschule. Vom Match-Point profitieren auch regionale Unternehmen: „Vor allem das Handwerk hat ein Nachwuchsproblem, sucht dringend Auszubildende“, sagt Enrico Stölzel. Mit den Firmen halte man Kontakt und pflege entsprechende Netzwerke.

veröffentlicht am 9. April 2015

Eine eigene Arbeitsagentur für Jugendliche
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