Vor 30 Jahren bezog das Künstlerpaar Wagener & Wagener einen Bauernhof: In Alt-Hohenschönhausen lebt und arbeitet der Wagener-Clan inzwischen generationsübergreifend. Das Talent reicht von der Großmutter bis hin zu den Enkeln. Von Marcel Gäding.

Ursula und Luise Wagener, Mutter und Tochter. Foto: Marcel Gäding
Ursula und Luise Wagener, Mutter und Tochter. Foto: Marcel Gäding

HOHENSCHÖNHAUSEN. Wie die Zeit vergeht. 30 Jahre. Eine Ewigkeit. Ein Menschenleben. Ein kleines Jubiläum. Als Ursula Wagener, ihr Mann Thomas und Tochter Luise 1985 endlich in das alte Bauernhaus der Hauptstraße in Hohenschönhausen zogen, lagen schwere Zeiten hinter den Wageners. Fünf Jahre hatten sie jede freie Minute auf dem heruntergekommenen Gehöft gearbeitet, Steine geschleppt, Unrat beseitigt, Räume entkernt. Es war ein großes Glück, dass Wageners dieses Haus fanden, das fortan nicht nur ihre Heimstatt sein sollte, sondern auch Atelier und Werkstatt. Auch für Alt-Hohenschönhausen war es eine glückliche Fügung, dass Wageners das Gehöft übernahmen. Viele andere Bauernhöfe fielen der Abrissbirne zum Opfer und machten Platz für Plattenbauten. 30 Jahre also ist dieses kleine Fleckchen Erde mitten in der großen, lauten Stadt ein Künstlerhof. Oben lebt Luise Wagener mit Mann und drei Kindern, das Erdgeschoss ist Ursula Wageners Reich. Alle unter einem Dach. Nur einer fehlt allen seit 14 Jahren sehr: Thomas Wagener. Er starb 2000.

Der Name Wagener ist aus Hohenschönhausen nicht mehr wegzudenken. Auch wenn es Mutter und Tochter in ihrer Bescheidenheit eigentlich nicht hören wollen, die Wageners sind eine Institution. Das mag daran liegen, dass sie neben vielen anderen Orten des Landes auch immer wieder Hohenschönhausen und Lichtenberg für ihre Ausstellungen und Installationen wählten und die Kulturszene im Osten maßgeblich prägten. Immer war unter den Ausstellungsorten das Gutshaus, das die Leute gerne Schloss nennen und das sich einen Katzensprung vom alten Bauernhof befindet. Zuletzt lieferten Luise und Ursula Wagener eine beeindruckende Werkschau in der Galerie im Ratskeller mit einem Querschnitt ihrer und Thomas Wageners Arbeiten seit 1989. „über Jahr und Tag“ haben die Wageners diese Ausstellung genannt.

Gehört auch zu Wageners: Kunstinstallation "Am Anfang" im Rathaushof von Lichtenberg. Foto: L. Wagener
Gehört auch zu Wageners: Kunstinstallation „Am Anfang“ im Rathaushof von Lichtenberg. Foto: L. Wagener

Erstmals begegnen sich Thomas und Ursula Wagener als Jugendliche. Beide studieren an der Kunsthochschule Weißensee. Zwei Jahre nach der Geburt von Tochter Luise beschließen die Wageners 1979 gemeinsam freischaffend zu arbeiten. Es entstehen unzählige Bilder, Grafiken, Skulpturen und baugebundene Kunst wie die Innenraumgestaltung volkseigener Betriebe. In den 1980er-Jahren kommt die Keramik dazu, die über den staatlichen Kunsthandel der DDR Abnehmer sogar im Westen findet. Ihre Werke zeichnen beide mit W&W, nur sie wissen, wer der eigentliche Urheber ist. Eine künstlerische Symbiose. Manches Mal, sagt Ursula Wagener, haben sie und ihr Mann gestritten über ihre Werke, so manche Idee verworfen, eine andere für gut befunden. Diesen streitbaren Part um künstlerische Aussagen und Botschaften besetzt inzwischen ihre Tochter Luise. Erst 1990, im wiedervereinten Deutschland,  gibt es auch Ausstellungen des Künstlerpaars. Mit wenigen Ausnahmen jedes Jahr eine. Im Jahr, als Thomas Wagener verstirbt, entsteht gerade das Modell für eine Skulptur mit dem Namen „Großer Adler“. Ursula Wagener beendet das gemeinsame Werk. Der schwarze Vogel schwebt heute in einem Fraktionsraum im Deutschen Bundestag.

Während sich Ursula Wagener der Malerei, der Grafik und Installationen widmet, fängt Luise Wagener Bilder mit der Kamera ein. Jede liefert auf ihre Weise Momentaufnahmen. Ursula Wagener arbeitet bei ihren Bildern mit Schwarz und Weiß, nur bei den Installationen macht sie eine Ausnahme: Blau ist das Markenzeichen der temporären Kunst, zuletzt umgesetzt bei der Installation „Am Anfang war…“ auf dem Innenhof des Lichtenberger Rathauses. Kleine, blau leuchtende Häuschen zwischen dem Backstein preußischer Neogotik. Geheimnisvoll wirken Installationen und Bilder gleichermaßen. Der gestalterische Bogen ist gespannt zwischen Schönheit auf der einen und Gefahr auf der anderen Seite. Die Kontraste wirken düster und hell. Viel Phantasie gehört nicht dazu, um Landschaften zu erkennen, Gewitter oder die während eines Unwetters gewaltigen Wellen des Meeres. „In Schwarz und Weiß kann man so viel hineinlesen“, sagt Ursula Wagener. „Es regt die Phantasie des Betrachters an.“ Ursula Wagener sagt, dass sich in ihren Bildern Erinnerungen an Menschen, Orte und Phasen des Lebens spiegeln. Ihre Tochter Luise hingegen, die ebenfalls an der Kunsthochschule Weißensee studierte, hält mit der Kamera alltägliche Dinge fest. Zunächst unscheinbare Details bekommen im Foto eine neue Wirkung, so wie die Aufnahme einer Zimmerdecke aus sozialistischen Zeiten oder die Teile einer gusseisernen Heizung. Während Luise Wagener bei ihren großflächigen Fotos Weißtöne bevorzugt, hat sie bei ihrem Projekt „das Jahr“ Einzelheiten, Blumen und Gegenstände festgehalten, meist im Makromodus, alles farbig. Jeder Tag mit einem Detail, dokumentiert für die Jahre 2000, 2005, 2010.

Dieses Künstler-Gen. Es wurde nicht nur an Luise, 37, weitergegeben. Auch ihre Kinder sind kreativ. Der Kleinste, gerade einmal drei Jahre, mischt Farben und malt, die Mittlere, heute sieben Jahre alt, porträtierte sich bereits mit vier Jahren selbst. Und die älteste Tochter hat ebenfalls Gefallen am Zeichnen und Malen.

Ursula Wagener gönnt sich jetzt erst einmal eine Verschnaufpause vom Ausstellungsstress. Vergangene Woche wurden die Bilder der Ausstellung „über Jahr und Tag“ wieder nach Alt-Hohenschönhausen gebracht. So eine Ausstellung ist viel Arbeit. Wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, wird wieder gemalt. Eindrücke vom Winter im Erzgebirge sollen die Grundlage für eines der nächsten Werke sein.

veröffentlicht am 24. März 2015

Der Künstler-Clan von Hohenschönhausen