Die Blossom Cheerleader sorgen schon kurz nach ihrer Gründung deutschlandweit für Furore: Bereits ein Jahr nach der Gründung des Vereins im Jahr 2012 qualifizierte man sich völlig überraschend für die Deutsche Meisterschaft. Von Benedikt Paetzholdt

Die Bossom Cheerleader aus Marzahn beim Training. Foto: Paetzholdt
Die Bossom Cheerleader aus Marzahn beim Training. Foto: Paetzholdt

MARZAHN. Schwindelgefühle sind für Jule tabu. Immer dann, wenn die Marzahner Blossom Cheerleader aus ihren beweglichen Körpern eine Pyramide bauen, steht sie ganz oben an der Spitze und rundet die Formation ab. Als Flyer, wie ihre Position im Fachjargon heißt, muss Jule nicht nur das Zutrauen in ihre Teamkollegen haben, dass sie für ihre Sicherheit sorgen. Sie braucht auch jede Menge Selbstvertrauen, sich in luftiger Höhe sicher zu bewegen. Die Schülerin sagt: „Ich bekomme jedes Mal einen Adrenalinschub. Aber das gehört für mich dazu.“

Mit Dance Cheerleadern, die mit ihren Tanzwedeln bei Events wie Hand- oder Basketball das Publikum anheizen, haben die Blossoms nur bedingt etwas gemeinsam. Denn sie verstehen sich als Stunt-Truppe. Regelmäßig messen sie sich in Wettkämpfen mit anderen Teams. Zwei Minuten und 30 Sekunden haben die Mannschaften Zeit, ihre ausgefallenen Choreografien zu präsentieren.  „Das ist richtig Hardcore“, sagt Crew-Mitglied Michael Böhm, 30 Jahre alt. Nicht selten kommt es vor, dass nach einem Auftritt die Tränen fließen. Grund dafür ist selten die Unzufriedenheit mit dem eigenen Auftritt. Vielmehr zeigt sich so die Erleichterung, die Übungen heil überstanden zu haben. „Cheerleading gilt als eine der gefährlichsten Sportarten“, weiß Böhm.

Beim Training in der Sporthalle der Kerchensteiner Schule in der Golliner Straße 2 geht es deshalb vor allem auch darum, höchste Synchronität in die Abläufe zu bekommen. Wenn Headcoach Lucy-May Schultka, 22,  den charmanten Drill Sergeant gibt und  „Fertig machen zum Elevator“ ruft, dann weiß jeder, was er zu tun hat. Innerhalb von wenigen Sekunden stehen die sogenannten Bases bereit, um den Flyer für diesen Stunt sicher in die Höhe zu hieven. Als sicherer Halt sind vor allem auch die starken Männer wie Michael gefragt.

Akrobatische Übungen wie der Elevator sorgen für Aufsehen und spektakuläre Bilder. Das alleine macht diese Sportart aber noch lange nicht aus. Bei Wettkämpfen müssen die Sportler auch Tanzen und natürlich ihren Anfeuerungsruf – den cheer – eindrucksvoll präsentieren. Dieser Schlachtruf soll nicht nur die Jury beeindrucken, er ist auch Beweis für den Zusammenhalt in der Truppe. „We are family“, heißt nicht umsonst der Slogan des Vereins.

Wie es zu einer echten Großfamilie gehört, sind viele verschiedene Altersklassen hier vertreten. PeeWees heißen die Fünf- bis Elfjährigen. Die nächstältere Gruppe sind die Juniors (12 bis 16 Jahre). Zu den Seniors zählen alle ab 17. Jule mit ihren 13 Jahren ist das beste Beispiel, wie fließend die Übergänge sind. Bei den Junioren zählt sie zu den Jüngeren. Weil sie aber bereits seit 2012 als Flyer an der Spitze der Formation steht, wirkt sie selbstbewusster und routinierter als viele ihrer Team-Gefährtinnen. Sie sagt: „In Filmen habe ich Cheerleader gesehen. Ich habe das ausprobiert und gemerkt, das ist das Richtige für mich.“

Ob Cheerleading wirklich das Richtige für jemanden ist, stellt sich ziemlich schnell heraus. Denn wer es in der Sportart zu etwas bringen will, muss viele Talente vereinen: Turnen, Tanzen, Akrobatik und Dehnfähigkeit. Bevor es an die Übungen geht, die zusammen mit der Musik später eine runde Choreografie ergeben sollen, müssen sich die Sportler intensiv aufwärmen. Um akrobatische Meisterleistungen zu zeigen, muss man topfit sein.

Dass die Blossom Cheerleader das sind, haben sie schon oft bewiesen. Bereits ein Jahr nach der Gründung des Vereins im Jahr 2012 qualifizierte man sich völlig überraschend für die Deutsche Meisterschaft.  „Wir galten als das Wunder von Marzahn“, erinnert sich Headcoach Lucy-May Schultka, die das Projekt aufgebaut hat. Es folgte eine Nominierung für die „Sterne des Sports“, womit Berliner Sportler für besondere Leistungen im Verein ausgezeichnet werden. Hier belegte der Verein Platz vier. Das Urteil der Jury lautete: „Eine großartige Initiative, die in einem sozial schwierigen Bezirk ein ‚mädchengerechtes‘ Angebot macht und es bereits in kurzer Zeit geschafft hat, den Verein zu etablieren.“

Trotz der positiven Entwicklung weiß Schultka nämlich auch, wie schwierig es gerade in Marzahn ist neue Mitglieder zu gewinnen. „So ein Kostüm kostet schon mal 200 Euro, das ist für viele Familien hier sehr schwierig aufzubringen.“ Dank des Zusammenhaltes habe sich aber schon manches realisieren lassen.  „We are family“, das ist nicht nur ein Slogan, sondern gelebte Praxis.

Cheerleader: Das Wunder aus Marzahn