Hohenschönhausen wird in diesem Jahr 30. Junge Graffiti-Künstler verwandeln Stromkästen und Verteilerstationen in kleine Kunstwerke. Ihr Mentor könnte vom Alter her ihr Großvater sein. Von Marcel Gäding.

Steven Jahns und Wolfgang Horn am „Eichhörnchen“. Foto: Marcel Gäding
Steven Jahns und Wolfgang Horn am „Eichhörnchen“. Foto: Marcel Gäding

HOHENSCHÖNHAUSEN. An diesem grauen Wintertag sitzen sie wieder im „Guidos“. Wolfgang Horn hat ein Bild mitgebracht. Es zeigt die quirlige Schönhauser Allee. Die Lichter der U-Bahn und der unter dem Viadukt fahrenden Autos ziehen sich unscharf durch die nächtliche Aufnahme. „Dieses Motiv hängt bei BVG-Chefin Sigrid Nikutta im Büro“, hat Wolfgang Horn herausgefunden. Jetzt soll Steven Jahns diese Momentaufnahme als Graffitibild umsetzen. „Unmöglich, viel zu kleinteilig“, sagt der 24-Jährige.

Horn und Jahns haben so schon des Öfteren miteinander diskutiert. Der frühere Amtsrat bei der Deutschen Rentenversicherung ist seit 14 Jahren pensioniert und könnte mit seinen 75 Jahren locker der Großvater von Steven Jahns sein. Horn, der seit fünf Jahren in Neu-Hohenschönhausen lebt, möchte Farbe ins Viertel bringen. Und da kam die Begegnung mit dem erfahrenen Graffiti- und Fassadengestalter Jahns gerade recht. Beide lernten sich über den CDU-Abgeordneten Danny Freymark kennen. Fortan treffen sich die beiden Männer regelmäßig mit den beiden anderen Graffitigestaltern Robert Späth und Sebastian Grap. Seit dem Herbst überlegen sie, wie sie graue, unscheinbare Strom- und Verteilerkästen in Neu-Hohenschönhausen in kleine Kunstwerke verwandeln. „Wir haben an die 30 mögliche Objekte erfasst“, sagt Wolfgang Horn. Die Zahl passt, denn die Aktion „Buntes Ostseeviertel“ ist quasi eine Art Geschenk zum 30-jährigen Bestehen von Hohenschönhausen. 1985 wurde der Stadtteil offiziell ein Stadtbezirk von Ostberlin. „Ich engagiere mich gerne für meinen Kiez“, sagt Wolfgang Horn zu seiner Motivation. Und so entsteht derzeit, bis zum Frühjahr, die wohl größte Open-Air-Galerie von Lichtenberg. Zum Geburtstag gibt es also Graffiti statt Blumen.

Welche Motive es am Ende werden, beraten Senior Horn und seine jungen Freunde gemeinsam. Mal sind es Comicfiguren, mal figurenbezogene Zeichnungen, mal Buchstaben. Am Linden-Center etwa gibt es jetzt das Bild einer Linde, wenige Meter weiter an der Ecke Zingster Straße und Falkenberger Chaussee ziert das Konterfei eines Eichhörnchens einen Stromkasten. „Für mich ist das eine Leidenschaft“, sagt Steven Jahns, der bereits mit zwölf Jahren mit dem Sprühen anfing. Inzwischen bekommt der junge Mann regelmäßig Aufträge, um etwa die Fassaden von Kitas, Jugendklubs und Grundschulen vorwiegend in Marzahn und Hellersdorf zu gestalten. „Am Anfang stehen die Entwürfe, für die ich schon ein paar Stunden Zeit benötige“, sagt Jahns.

Gut zehn Projekte wurden bereits im Rahmen der Aktion „Buntes Ostseeviertel“ realisiert. Dabei kommt es nicht nur auf das Motiv an. Die Eigentümer müssen auch ihr Einverständnis geben, außerdem kostet alles auch Geld – mindestens 150 Euro allein für Material. Um die Absprachen und um Sponsoren kümmert sich wiederum Wolfgang Horn. „Wir können in der Hinsicht viel von ihm lernen“, sagt Steven Jahns. Dennoch wird Wolfgang Horn selbst nicht zur Sprühflasche greifen und sich versuchen. Das ginge dann doch etwas zu weit. Dabei könnten die Jungs vermutlich Hilfe gebrauchen: Mit der BVG ist man im Gespräch, auch das graue BVG-Mitarbeiterhäuschen an der Straßenbahnwendeschleife an der Zingster Straße zu gestalten. Da ist jede Menge Platz für Graffiti.

veröffentlicht am 16. Februar 2015

Graffitiprojekt: Lichtenbergs größte Open-Air-Galerie