Manfred Höhne prägte Hohenschönhausen, vor allem nach der Wende. Viele Jahre leitete er die Pressestelle im Rathaus, schuf den „DenkOrt“. Als Rentner widmete er sich mit seiner Frau Marianne der Kunst. Am 10. Januar verstarb er 74-jährig. Ein ganz persönlicher Nachruf von Marcel Gäding.

Manfred Höhne in seiner Werkstatt. Jede Schraube hatte ihren Platz. Aus Holzklötzern schnitzte er Puppen, die seine Frau Marianne bemalte. Foto: Gerd Engelsmann
Manfred Höhne in seiner Werkstatt. Jede Schraube hatte ihren Platz. Aus Holzklötzen schnitzte er Puppen, die seine Frau Marianne bemalte. Foto: Gerd Engelsmann

HOHENSCHÖNHAUSEN. Als wir uns das letzte Mal begegneten, hatte der Frühling gerade den Winter besiegt. Die Sonne meinte es gut mit uns: 26 Grad erwärmten die Luft, während wir auf der Terrasse bei Manfred und Marianne Höhne auf dem Niehof saßen. Beide erzählten mir, wie sie für ihren Freund, den Puppenspieler Andreas Ulbrich, aus Holz Puppen für sein österreichisches Puppentheater fertigten. Marianne reichte Tee und Gebäck. Wir plauderten über dies und jenes, schließlich hatten wir uns über die Jahre angefreundet. Dass wir uns immer mal nur alle Jubeljahre sahen, war schnell vergessen hier in Alt-Hohenschönhausen.

Niehof. Das stand immer auf den Umschlägen der Weihnachtskarten, die Marianne und Manfred Höhne verschickten. Jedes Jahr ein anderes Motiv. Kleine Kunstwerke, die man aufhob. Der Niehof, das ist ein großes, mit alten Bäumen bewachsenes Grundstück an der Niehofer Straße. Man kann ihn auch Künstlerhof nennen, denn die Liebe zur Kunst brachte einst nicht nur Marianne und Manfred Höhne zusammen. Hier in Alt-Hohenschönhausen befinden sich eine Werkstatt, ein Atelier und ein altes Gartenhäuschen, das nach und nach zu einem Wohnhaus umgebaut wurde. An kalten Wintertagen nahmen wir im Wohnzimmer Höhnes Platz, das voller Bilder und Skulpturen war. Durch die großen Fenster konnten wir auf den immergrünen Efeu-Teppich sehen.

Manfred Höhne war ein Künstler. Aber er war auch Mensch, ein sehr direkter und aufrichtiger. Er redete nicht um den heißen Brei, sondern kam stets zum Punkt. Er begegnete den Menschen stets mit Weisheit, Lebenserfahrung und so etwas wie väterlichem Rat. Wer ihn nicht kannte, schreckte schon mal zurück. Im Kern aber war er, wie seine Frau Marianne, ein Mensch mit Herzenswärme. Beide lernten sich bei Pneumant kennen, in der Werbeabteilung. Dort arbeitete Manfred Höhne bis zum Mauerfall. 1990 bewarb er sich beim Bezirksamt Hohenschönhausen, wurde Pressesprecher und verantwortlicher Redakteur des Hohenschönhausener Lokalblatt. Manfred verantwortete plötzlich eine unabhängige Zeitung, die den Finger in die Wunde legte. Und er hielt nicht zurück mit seiner Kritik an den Ewiggestrigen. Vor allem frühere Stasi-Angehörige konnte er nicht ausstehen, war das MfS doch bei Höhnes bis 1989 immer wieder im Haus, während sie nicht da waren.

Mitte der 1990er-Jahre traf Manfred Höhne im Bezirksamt eine Bekannte wieder: Dr. Bärbel Grygier. Sie hatte sich während des Studiums etwas dazu verdient und für Pneumant auf der Messe gearbeitet. Manfred Höhne war ihr Chef. Als Bärbel Grygier Bürgermeisterin von Hohenschönhausen wurde, war Manfred Höhne sodann ihr Mitarbeiter. Zufälle, haben die Höhnes mal beim Kaffee erzählt, begleiteten sie das ganze Leben.

„Als Manfred und ich uns zum zweiten Mal beruflich trafen, war uns beiden sehr schnell klar, dass zwei unkonventionelle, kreative Unruhestifter immer für Funkenflug sorgen wollten“, erinnert sich die einstige Kommunalpolitikerin. Aus den Funken konnten kleine Brandherde werden, aber auch ein Sternenhimmel. „Am meisten mochte ich bei unseren Meinungsverschiedenheiten, wenn er brubbelnd und störrisch erst einmal ging, um dann bei der nächsten Gelegenheit wieder und zwar mit neuen Argumenten am alten Plan festzuhalten.“ Vielleicht sei ihr bestes Projekt der „DenkOrt“ an der Gärtnerstraße gewesen. „Er ist für mich untrennbar mit Manfred Höhne verbunden und unseren langen Diskussionen, die Opfer genau nicht sortieren und gruppieren zu wollen, sondern allen gleichermaßen Ehre zu erweisen. Wir wussten beide immer voneinander, dass wir mittun wollten, diese Welt bunter und schöner zu machen als wir sie vorgefunden hatten.“

Jahrelang kämpfte Manfred Höhne mit einer heimtückischen Krankheit. Sie hielt den Diplom-Designer aber nicht auf, das Konzept für den DenkOrt umzusetzen – eine Erinnerungsstätte für die Toten des sowjetischen Speziallagers Nummer 3 an der Gärtnerstraße. Er schrieb für das Magazin der Steinmetzinnung und engagierte sich dafür, dass Harald Juhnke ein Denkmal bekommt, was bis heute mangels Geld und Standort nicht umgesetzt werden konnte. Zuletzt widmete er sich den Puppen: Er schnitzte Figuren, die Marianne bemalte. Vormittags sprachen sie über Gott, die Welt und ihre hölzernen Figuren. Mittags zog sich jeder für seine Arbeit zurück. So war das bis vor wenigen Monaten.

Anfang Februar trugen wir Manfred Höhne zu Grabe. Seine letzte Ruhestätte befindet sich an einer Eiche, die auch auf dem Niehof stehen könnte, voll bewachsen mit Efeu und mit einer Bank daneben. Ein ehrlicher, aufrichtiger Freund liegt hier, der jedem nach dem Ende eines Gesprächs auf den Weg gab: „Bleib stark.“ Er hinterlässt eine große Lücke, bei seiner Frau, bei seiner Familie und bei uns Alt-Hohenschönhausenern.

veröffentlicht am 15. Februar 2015

Manfred Höhne (1940-2015): Der Aufrichtige