Ihren Winterurlaub hatte sie schon lange gebucht, da ahnte sie aber nicht, dass sie Ende Januar zur Bezirksbürgermeisterin von Lichtenberg gewählt wird. Birgit Monteiro (SPD) ist die Neue auf dem Chefsessel im Rathaus an der Möllendorffstraße und Nachfolgerin von Andreas Geisel, der zum Stadtentwicklungssenator berufen wurde. In ihrem noch kahlen Büro – Bilder kommen demnächst an die Wand – empfing sie das Bezirks-Journal.

Birgit Monteiro, Bezirksbürgermeisterin. Foto: Marcel Gäding
Birgit Monteiro, Bezirksbürgermeisterin. Foto: Marcel Gäding

Frau Monteiro, Sie wurden am 22. Januar gewählt und einen Tag später vereidigt. Inzwischen liegen drei Wochen zurück. Wie war diese Zeit für Sie?
Zunächst gab es viele Gespräche innerhalb des Bezirksamtes zu führen. Da waren die Kolleginnen und Kollegen, die selbst Gesprächsbedarf hatten. Und dann gab es Gespräche mit den Gebietskoordinatoren und Beauftragten sowie Vertretern des Steuerungsdienstes und den Kolleginnen und Kollegen aus dem Büro der Bezirksbürgermeisterin. Hinzu kamen Kennenlerntermine beispielsweise beim Finanzservice und beim Personalservice und Außentermine. Darunter war ein Treffen in der für die Unterbringung von Flüchtlingen beschlagnahmten Turnhalle an der Klützer Straße. Gefreut habe ich mich darüber, dass die Anwohnerinnen und Anwohner sehr hilfsbereit reagieren und sich bewusst von einigen Krawallmachern auch abgrenzen. Darüber hinaus habe ich an einer Anwohnerversammlung teilgenommen, bei der es um eine Flüchtlingsunterkunft an der Bornitzstraße ging. Es waren große Emotionen zu spüren. Dennoch äußerten sich viele Menschen, dass Flüchtlinge willkommen sind und erkundigten sich, wo sie persönlich helfen können.

Das war also ein guter und leichter Einstieg für Sie in Anbetracht dieser von Ihnen geschilderten Willkommenskultur.
Ja. Wir merken, was wir für ein großes zivilgesellschaftliches und demokratisches Potenzial wir an Lichtenbergerinnen und Lichtenbergern haben, die bereit sind, sich einzubringen.

Ihr Vorgänger Andreas Geisel wechselte überraschend in den Senat, es gab also keine Gelegenheit für eine Übergabe.
Die gab es nicht. Ab und an telefonieren wir. Ich bin sehr froh, dass ich ein sehr erfahrenes Team vorgefunden habe, das mich berät und begleitet. Das ist für mich eine gute Untersützung. Ich bin sehr offen empfangen worden im Rathaus. Viele waren sehr gespannt und neugierig. Auch die Amtsübergabe vom stellvertretenden Bezirksbürgermeister Dr. Andreas Prüfer war sehr kollegial, konstruktiv und angenehm.

Sie haben von Neugier gesprochen. Vielleicht können Sie unsere Neugier befriedigen, in dem Sie uns verraten, für welches Leitbild Sie ganz persönlich stehen.
Ich finde es sehr wichtig, dass man anderen Menschen eine Chance gibt. Wenn es sein muss, auch mehrfach. Vertrauen ist für mich eine wichtige Kategorie. Ich bin sehr dialogorientiert. Wenn wir als Verwaltung Bürgerbeteiligung nach außen hin leben und praktizieren, gehört auch die Frage dazu, wie wir intern mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen. Daher ist es wichtig, deren Erfahrungen und Kompetenzen für den Bezirk nutzbar zu machen. Durch meine jahrelange Arbeit in Lichtenberg, erst auf Bezirks- und dann auf Landesebene, sind mir viele Akteure und Themen vertraut. Daher wird es mir leicht gemacht, an vielen Punkten anzuknüpfen. Dennoch denke ich, dass ich aufgrund meiner besonderen Erfahrungen auch bei bestimmten Dingen andere Impulse setzen kann. Das sind die Themen Arbeitsmarkt und Inklusion, die ich von der Landesebene mitbringe, und aus meiner beruflichen Tätigkeit sind es Kompetenzen in Sachen Mitarbeiterführung und wie man Prozesse strukturiert, um ans Ziel zu kommen. Viele Projekte, die Andreas Geisel etabliert hat, kann ich mit meinen Ideen noch bereichern.

Beispielsweise?
Es gibt dieses Bündnis für Wohnen, eine absolut großartige Idee, weil sich dort Akteure der Wohnungswirtschaft engagieren und stets neue Mitglieder dazukommen. Dadurch ist das keine statische Geschichte, sondern es entwickelt sich. Ich werde in diesem Bündnis die Frage nach der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen einbringen und das Thema barrierefreies Wohnen ansprechen. Diese Bündnisstruktur ist für mich ein tolles Vorbild auch für andere Bereiche. Ein Anliegen von mir ist es, das Bündnis für Wirtschaft und Arbeit neu aufzulegen. Da ist dieses Bündnis für Wohnen organisatorisch das Vorbild, was die Schnittstellen und Vernetzungsmöglichkeiten betrifft.

Wie sieht Ihr persönlicher Fahrplan für die ersten 100 Tage aus?
Das ist zum einen die Aufstellung des Haushaltsplanes. Eine weitere Rolle wird das Thema Personal spielen. Leider haben wir einen sehr hohen Krankenstand in der Bezirksverwaltung. Durch die Personalabsenkungen der letzten Jahre konnten wir teilweise nicht so gut umgehen mit Krankheitsvertretungen. Wenn wir dort nicht reagieren, legen wir auf die noch gesunden Mitarbeiter noch höhere Lasten um. Das halte ich nicht für gut. Perspektivisch werden wir ca. 100 zusätzliche Stellen brauchen, auch weil unser Bezirk wächst. Wenn ich so kurzfristig auf meine inhaltlichen Schwerpunkte schaue, dann werden wir uns noch einmal mit den Stadtteilprofilen, dem Audit familiengerechte Kommune und der Bürgerbeteiligung beschäftigen. Eine Analyse des Ist-Zustandes stellt ja die Voraussetzung für konkretes Handeln dar und hilft, bestimmte Bedarfe zu erkennen.

Lichtenbergs Credo war bislang das vom kinder- und familienfreundlichen Bezirk. Welches Leitbild verfolgen Sie konkret für Lichtenberg?
Ich finde das Leitbild sehr passend und sehr stimmig. Es ist ja auch ein Erfolgsrezept, das wir auf alle Fälle fortsetzen wollen. Ich wünsche mir, dass wir verschiedene Generationen mitnehmen und auch die Senioren nicht außen vorlassen. Damit verknüpfen wir auch das Thema Barrierefreiheit, sodass auch Menschen mit Behinderung in einem kinder- und familienfreundlichen Bezirk sichtbar werden. Das geht einher mit dem Ausbau der Infrastruktur. Noch stärker Beachtung finden soll das Thema Arbeit.

Welche Orte gehören in Lichtenberg zu Ihren Lieblingsorten?
Das ist das Tolle an Lichtenberg, dass der Bezirk so vielfältig ist. Ich bin gerne in Malchow in der Natur draußen, aber auch genauso gern in der Frankfurter Allee-Süd im Nachbarschaftshaus Kiezspinne. Das ist ein tolles Gebäude mit einem angenehmen Umfeld, dort stimmt die Nachbarschaft. Ich liebe die Vielfalt und bin neugierig auf Ecken und Menschen, die ich noch nicht entdeckt habe.

Dass Andreas Geisel in den Senat wechselt und Sie nun Bürgermeisterin sind, war für alle Beteiligte sicher überraschend. Wie hat Sie die neue Situation persönlich verändert?
Meine Pläne wurden tatsächlich etwas durcheinander gewirbelt. Kurzfristig musste ich meine Winterferienurlaubsplanung stornieren, aber das ist das kleinste Problem. Vom Zeitaufwand her ist das sicherlich ähnlich wie in meinen vorherigen Tätigkeiten als Abgeordnete und parallel als Geschäftsführerin eines Verbandes und einer GmbH. Nur ist eben in meinem neuen Job alles viel intensiver, aber auch sehr spannend. Ich bin glücklich über meinen neuen Arbeitsplatz, weil mich auch wirklich alle Themen interessieren. Daher denke ich, dass ich jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.

Das Gespräch führte Marcel Gäding.

veröffentlicht am 12. Februar 2015

Lichtenberger Bürgermeisterin: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort