Das Weite Theater entstand 1992 als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. 22 Jahre später gehört es in der Ostberliner Theaterszene zu den Geheimtipps. Das Ensemble spielt Stücke für Kinder, aber auch für Erwachsene.

Das weite TheaterLICHTENBERG. Eine halbe Stunde vor der Vorstellung ist das Foyer gut gefüllt. In Gruppen nehmen die kleinen Zuschauer auf Bierbänken Platz. Die Jacken kommen in große Behälter, eine Garderobe gibt es nicht. Je näher die heutige Vorstellung rückt, umso aufgeregter werden die Jungen und Mädchen, alle zwischen drei und fünf Jahre alt. Es ist einer der ersten Herbstferientage. „Hase und Igel“ steht auf dem Programm. Als der erste Gong ertönt und sich die Türen zum Saal öffnen, sind die gut 100 Kinder nicht mehr zu halten. Eine Stunde sitzen sie nun vor der Bühne und sehen ein Stück, das zwar eine Hand voll Rollen hat, aber nur einen, der sie spielt: Martin Karl. Er mimt den Erzähler, den Großvater des Erzählers, den knorrigen Hasen und den Igel samt Frau und Igelkindern. Schon kurz nach Beginn der Vorstellung tönt es aus der ersten Reihe: „Das ist ja zum Totlachen hier“, sagt ein Mädchen. Die Botschaft kam an, auch bei Martin Karl auf der Bühne. Heute kommen die Kinder auf ihre Kosten, zum Wochenende hin zieht es die Erwachsenen an. „Was wir wollen, ist Geschichten zu erzählen“, sagt Martin Karl. „Das ist unser Ding.“ Im Gegensatz zum klassischen Sprechtheater kommen auf der Bühne an der Parkaue Puppen und Menschen zum Einsatz. Im Stück „Hase und Igel“ macht es Martin Karl gut vor: Mal spielt er Hase und Igel als Schauspieler, mal lässt er die kleinen Puppen „tanzen“.

So nah wie hier sind sich Schauspieler und Zuschauer selten in einem Berliner Theater. Denn der Abstand zwischen der ersten Reihe und der Bühne beträgt gerade einmal wenige Zentimeter. Und so braucht es in „Das Weite Theater“ auch keine akustischen Verstärker. Martin Karl ist auch in der letzten Reihe gut zu hören. Der Schauspieler gehört zu den dienstältesten Ensemblemitgliedern. Er kennt die Geschichte von „Das Weite Theater“ von allen am besten.

Vor 22 Jahren, 1992, öffnete sich das erste Mal der Vorhang. Damals entstand „Das Weite Theater“ als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in Hellersdorf. Erste Spielstätte war ein alter Wohngebietsclub, der Saal maß zwölfmal zwölf Meter. Ein Teil des Ensembles kam vom Puppentheater „Die Schaubude“ an der Greifswalder Straße, das gerade wie viele andere Einrichtungen im Osten abgewickelt wurde. Sechs Puppenspieler und ein Bühnentechniker zog es also nach Hellersdorf, wo ein Verein gegründet wurde. Schon im dritten Jahr umfasste die Truppe 19 Mitglieder. Es wurde Theater gespielt, hinzu kamen Gitarrenkurse, Theatergruppen und andere soziokulturelle Angebote. Das Kulturamt war ganz angetan von den Schauspielern und bot ihnen eine Bleibe. Das Areal vor dem Haus wurde in Theaterplatz umbenannt. Der Platz in Hellersdorf heißt heute noch so. Nur das Haus ist Geschichte. Es wurde abgerissen.

Lange vor dem Abriss zog es die Theaterleute nach Lichtenberg, weil die Miete in Hellersdorf Ausmaße erreicht hat, die eine kleine Bühne wie „Das Weite Theater“ nicht akzeptieren kann. Der Professor eines Puppenspielerkollegen habe damals den Tipp gegeben, erinnert sich Martin Karl. Denn die Sektion Puppenspiel der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“ hat im Theater an der Parkaue ihren Sitz. Das einstige Kino im früheren Haus der jungen Pioniere war perfekt als Heimstatt für „Das Weite Theater“. 2003 packten Karl und seine Kollegen Hab, Gut und Puppen. Am 27. März 2003 eröffnete „Das Weite Theater“ an neuer Spielstätte.

Im Foyer des Theaters riecht das Linoleum noch so wie früher. Und auch sonst ist vieles hier wie zu DDR-Zeiten, nur bunter. An den Wänden hängen die Plakate vergangener Veranstaltungen. „Aus dem Tagebuch einer Bergziege“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Froschkönig“ gehören dazu. Gut besucht war „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“, das jetzt auch einen Aufgang weiter im Theater an der Parkaue gezeigt wird. „Das Weite Theater“ kann bis heute existieren, weil seine guten Geister auf vielen Hochzeiten tanzen: Sie organisieren Theaterprojekte mit Schülern und machen Tourneen durch ganz Europa. Einen künstlerischen Leiter gibt es nicht, auch keinen Intendanten, sagt Martin Karl. 65.000 Euro gibt das Land Berlin jedes Jahr. Weitere Einnahmen werden durch Gastspiele und durch die Inszenierungen im eigenen Hause erwirtschaftet. Mit der Schauspielschule „Ernst Busch“ gibt es eine enge Zusammenarbeit, auch mit dem Theater des Lachens in Frankfurt an der Oder.

Während die Aufführungen für Kinder gut besucht sind, tun sich die Erwachsenen etwas schwer. Hier will „Das Weite Theater“ noch mehr ältere Zuschauer ansprechen und nimmt Stücke wie „Der kleine König Dezember“ von Axel Hacke oder „Die Legende vom Wilhelm Tell“ ins Programm. An den Eintrittspreisen kann das nicht liegen, denn die Abendkarte kostet gerade einmal 12,50 Euro. Vermutlich aber liegt es an der großen Konkurrenz, mit der „Das Weite Theater“ leben muss.

veröffentlicht am 3. November 2014 | Autor: Marcel Gäding | Foto: Marcel Gäding

 

Verlosung: Freikarten für Don Quijote

„Das Weite Theater“ bietet in der Regel am Wochenende Theaterstücke für Erwachsene an. Am 8. November feiert um 20 Uhr „Don Quijote – Ein Traumspiel nach Telemann“ Berlin-Premiere. Im Rahmen des Eventkommandos gibt es neben der Aufführung vom Theater des Lachens auch Musik und Kulinarisches. Unter anderem treten Musiker der Dizzybirds auf. Am 22. November steht um 16 und um 20 Uhr „Der Bär“ nach Anton Tschechow auf dem Programm. Und am 20. Dezember wird um 20 Uhr „Der kleine König Dezember“ gegeben.

 Für „Don Quijote – Ein Traumspiel nach Telemann“ verlosen wir unter unseren Lesern zweimal zwei Freikarten. Senden Sie uns hierzu bis zum 7. November eine E-Mail an gewinnspiel@bezirks-journal.de. Die Gewinner werden von uns per E-Mail benachrichtigt und können sich ihre Karten an der Abendkasse abholen.

Ein Theater für Menschen und Puppen