Vor 25 Jahren stand die DDR Kopf. Ungarn öffnete seine Grenzen zum Westen – und in Hohenschönhausen brachte die Unzufriedenheit die Opposition auf den Plan. Ein Runder Tisch wurde hier wie vielerorts installiert, für ganze fünf Monate. Pfarrer Albrecht Hoffmann moderierte die ungewöhnliche Runde. Ein Rückblick.

Vor 25 Jahren stand die DDR Kopf – auch in Hohenschönhausen und Lichtenberg. Wie auf Landesebene wurden auch in den Stadtbezirken Ostberlins Runde Tische gegründet. Pfarrer Albrecht Hoffmann war dabei.
Vor 25 Jahren stand die DDR Kopf – auch in Hohenschönhausen und Lichtenberg. Wie auf Landesebene wurden auch in den Stadtbezirken Ostberlins Runde Tische gegründet. Pfarrer Albrecht Hoffmann war dabei.

MALCHOW. Als vor 25 Jahren das Gemäuer der Deutschen Demokratischen Republik ins Wanken geriet, waren die Räume der evangelischen Kirchengemeinde in Malchow bei Oppositionellen heiß begehrt. Das Areal befand sich im Norden des damaligen Stadtbezirks Hohenschönhausen. Vor der Tür führte die Fernverkehrsstraße 2. Sie galt als Protokollstrecke, weil sie von den Mitgliedern des Politbüros genutzt wurde, um von Wandlitz nach Berlin-Mitte zu gelangen. Die Evangelische Kirchengemeinde besaß den jahrhundertealten Friedhof mit den Resten der alten, im Zweiten Weltkrieg gesprengten Kirche, ein wunderschönes Pfarrhaus und ein Gemeindehaus, in dem auch die Gottesdienste gefeiert wurden und Gruppierungen aller Richtungen Treffen organisierten. Vermutlich fuhr der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker so manches Mal im geräumigen Dienst-Volvo an dem Haus vorbei, während drinnen das Ende des Arbeiter- und Bauernstaates vorbereitet wurde.

„Zu welchem Zweck die Räume letztlich genutzt wurden, wussten wir nicht genau“, sagt Albrecht Hoffmann, von 1980 bis 2008 Pfarrer. Da sich aber auch Oppositionelle wie Rainer Eppelmann darunter befanden, war klar: Hier ist was im Busch. „Im Grunde genommen haben wir seit 1987 die Unzufriedenheit der Menschen in der DDR immer deutlicher gespürt“, sagt Hoffmann. Vor allem die nicht vorhandene Reisefreiheit sorgte für Unmut in der Bevölkerung. Nicht nur der Westen war tabu, auch in östliche Staaten wie Polen konnte man nicht ohne Weiteres reisen. „Sie brauchten immer eine Einladung“. Hoffmann griff das Thema oft in seinen Predigten auf. Vermutlich saßen unter den Zuhörern auch Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit. Ganz gewiss aber hatten sie das Gemeindehaus in Malchow stets im Blick, wie aus Hoffmanns 100 Seiten starker Stasiakte hervorgeht. Schließlich quartierte der Pfarrer auch Mitglieder westlicher Kirchengemeinden ein, die in der DDR offiziell zu Gast waren. Auf dem Friedhof nebenan arbeiteten Menschen, die in Ungnade gefallen waren. „Einen Major beschäftigte ich als Helfer auf unserem Friedhof“, sagt Hoffmann. Am Ende vermuteten die Verantwortlichen im damaligen Stadtbezirk Hohenschönhausen in Hoffmann einen Revoluzzer: Hatte er doch begonnen, Stück für Stück ein eigenes Heimatmuseum mit wertvollen historischen Dokumenten aus dem Kirchenarchiv aufzubauen. Das rief mehrere Besuche und Gespräche mit dem damaligen Stadtbezirksbürgermeister auf den Plan.

Der Untergang des Arbeiter- und Bauernstaates

Albrecht Hoffmann erzählt all dies, um zu verstehen, wie es in jenen Monaten vor dem Ende der DDR und vor allem in Hohenschönhausen aussah. Als Pfarrer mit einem Zuständigkeitsgebiet für 2.300 Protestanten ging der Untergang des einstigen Arbeiter- und Bauernstaates nicht spurlos an Hoffmann vorbei. Schon im November 1989 – in diesem Monat fiel bekanntlich auch die Mauer – trat Hoffmann seinen weltlichen Dienst als Moderator des Runden Tisches in Hohenschönhausen an. Gemeinsam mit einem Kollegen der katholischen Kirche „hatten wir die Menschen ins Gespräch zu bringen“, sagt der 68-Jährige pensionierte Pfarrer heute. Vorbild war der zur gleichen Zeit gegründete große Runde Tisch der DDR, der ebenfalls von den Kirchen moderiert wurde. „Wir haben die Vertreter der verschiedenen Gruppierungen wie das Neue Forum, Demokratie jetzt oder die SDP an demokratische Abstimmungsprozesse gewöhnt.“ Kein leichtes Unterfangen, denn die SED/PDS-Vertreter versuchten über viele Mittel, sich das Zepter nicht aus der Hand nehmen zu lassen. Namen von später aktiven PDS-Mitgliedern tauchten zunächst auf den Listen der vermeintlichen Opposition auf.

Und worum ging es konkret am Runden Tisch? Zumindest nicht um die alltäglichen DDR-Probleme wie fehlender Wohnraum oder Versorgungsengpässe. „Wir beschäftigen uns eher mit Fragen, was aus den von der Staatssicherheit genutzten Villen und Dienstgebäuden werden sollte.“ Davon gab es in Alt-Hohenschönhausen dies- und jenseits des Ober- und Orankesees reichlich. Beschlüsse wurden gefasst, ganz demokratisch: Das als Wäschedepot verkommene Mies van der Rohe-Haus wird eine Galerie, die Villa eines Stasi-Generals nebenan Standesamt und das altehrwürdige Gebäude ein paar Hausnummern weiter Musikschule. Großes Interesse rief auch die Frage hervor, was aus dem Wohnhaus des einstigen DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski an der Manetstraße 16 passieren sollte. „Das alles ging soweit, dass die Bürgerbewegung Stasi-Wohngebäude in ihre Gewalt bringen wollten.“ So mancher MfS-Angehöriger soll in jener Zeit auf seine Selbstverteidigungsmöglichkeit in Form einer eigenen Dienstwaffe hingewiesen haben.

„Schon damals waren sich die Beteiligten einig, rund um den Orankesee einen Rundweg für die Bevölkerung anzulegen“, erinnert sich Hoffmann. Tatsächlich wurde der Beschluss auch umgesetzt – Jahre nach der Auflösung des Runden Tisches. Letztlich sei es dem Runden Tisch Hohenschönhausen aber auch darum gegangen, friedliche, gewaltfreie Lösungen zu finden. An die 30 Mitglieder hatte jenes Gremium, das sich 14-mal im alten Hohenschönhausener Rathaus an der Matenzeile traf. In der Stadtbezirksverordnetenversammlung erhielt der Runde Tisch ein Rederecht. Beschlussfähig war das Gremium aber nicht. „Wenngleich viele Menschen dachten, dass wir die neue Regierung seien.“ An manchen Tagen ging es bis tief in die Nacht zur Sache.

Viele aktive Angehörige des Runden Tisches engagierten sich später auch in der Kommunalpolitik. Albrecht Hoffmann ließ sich nach der Wende zunächst in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) wählen und wurde deren Vorsteher. Später trat er in die CDU ein und übernahm die Fraktionsleitung. Unvergessen sind seine auf hohem Niveau geführten Diskurse und verbalen Auseinandersetzungen mit den PDS-Vertretern. Die BVV war genau das richtige Gremium für Hoffmann, um jetzt aktiv auch außerhalb der Kirchengemeinde das Leben zu gestalten und Beschlüsse zu fassen.

Inzwischen ist Albrecht Hoffmann Rentner und auch politisch nicht mehr aktiv. Der Zufall wollte es, dass er jetzt ganz in der Nähe jenes Gebäudes wohnt, in dem 1989 der große Runde Tisch tagte. Aus der Zeit – sowohl auf landes- als auch auf Bezirksebene – hat sich Hoffmann Zeitungsartikel aufgehoben. Er zeigt sie gerne, denn es war eine spannende Zeit. Letztlich ist der froh, dass die Revolution in der DDR ohne Blutvergießen verlief. „Immerhin ist alles friedlich verlaufen. Und das war ja unser Ziel.“

Bis auf ein paar Randnotizen in den Geschichtsbüchern ist – zumindest öffentlich – keine Erinnerung an den Runden Tisch Hohenschönhausen geblieben. Wer heute im Internet danach sucht und „Runder Tisch Hohenschönhausen“ eingibt, landet bei Angeboten eines Kleinanzeigendienstes: 180×190 cm, massiv, shabby, upcycling…

veröffentlicht am 3. September 2014; Autor & Fotograf: Marcel Gäding

25 Jahre Wende: Demokratie bis tief in die Nacht
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