Die Metallgießerei Behr existiert in fünfter Generation. Ihre Mitarbeiter hinterlassen überall in Berlin Spuren, unter anderem am Brandenburger Tor. Ende August wird das Firmenjubiläum gefeiert. Ein Vor-Ort-Besuch.

Die Metallgießerei Behr existiert in fünfter Generation. Ihre Mitarbeiter hinterlassen überall in Berlin Spuren, unter anderem am Brandenburger Tor. Ende August wird das Firmenjubiläum gefeiert.
Die Metallgießerei Behr existiert in fünfter Generation. Ihre Mitarbeiter hinterlassen überall in Berlin Spuren, unter anderem am Brandenburger Tor. Ende August wird das Firmenjubiläum gefeiert.

HOHENSCHÖNHAUSEN. Der Geruch ist gewöhnungsbedürftig: Nicht  unangenehm, aber sehr bestimmend. Es scheint eine Mischung aus Werkstattklima und verschiedenen Metallarten zu sein, die dem Besprechungszimmer von Markus Behr diese besondere Atmosphäre gibt. Er selbst nimmt den Duft schon gar nicht mehr wahr. „Ich vermute, das sind die Ausdünstungen vom  quartzsandgebundenen Formsand“, sagt der Geschäftsführer der H. & Ph. Behr Gießerei mit einem etwas verständnislosen Lächeln. Eigentlich ist es völlig egal, wie und warum es gerade so und nicht anders in dem fensterlosen Raum mitten im Gewerbegebiet Alt-Hohenschönhausen riecht. Denn auch Fremde haben sich nach kurzer Zeit daran gewöhnt.

Vielleicht liegt das auch daran, dass sie  abgelenkt sind: so fasziniert von dem, was sie sehen. Denn auf dem Fußboden stehen große Kandelaber mit vielen verschnörkelten Details, die wirken, als wenn sie aus einer ganz anderen Zeit stammen. Daneben liegen Aluminiumkörper, die ihren endgültigen Platz in modernen Maschinen oder Bauteilen finden. Auf einem hölzernen Board stapeln sich Schilder in allen möglichen Größen und Formen. Sie sind ausgestattet mit einzelnen Wörtern und Sätzen, aber ebenso mit Zahlen sowie künstlerisch gestalteten Reliefs. „Die auf der linken Seite haben wir im Aluminiumguss hergestellt, die anderen aus Bronze“, erklärt Markus Behr.

Direkt über den Ausstellungsstücken hängen Fotos und Zeichnungen aus der abwechslungsreichen Firmengeschichte.  Markus Behr und sein Bruder Johannes führen bereits in der fünften Generation das Familienunternehmen. Als Christian Gustav Adolf Behr allerdings am 1. Juli 1839 die Firma als Drechslerei gründete, konnte er nicht annähernd ahnen, wie sich seine Urzelle weiterentwickelt. Er stellte unter anderem hölzerne Hutformen her. Seine Söhne ebneten den Weg des künftigen Produktionsprofils und begannen 1888 auf einem Grundstück in Weißensee damit, solche Formen aus Eisen zu gießen. „Nicht nur im Inland, auch in den Nachbarländern und bis nach Übersee wurden die begehrten Metallteile verkauft“, berichtet Geschäftsführer Behr.

GALERIE: Die Metallgießerei Behr in Berlin

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Seinem Großvater war es sogar gelungen, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Juli 1945, als erste Gießerei Berlins wieder zu produzieren. Das waren zunächst Ersatzteile für die Fahrzeuge der Russen.

Es folgten schwierige Jahre. „Eine betriebliche Erschütterung bildete die faktische Betriebsenteignung am 5. September 1952“, erzählt Markus Behr. Sein Vater Klaus konnte allerdings zwei Jahre später die Firma übernehmen. 1972 wurde aber auch dieser Betrieb verstaatlicht und Klaus Behr als Betriebsdirektor des VEB Eisengießerei Weißensee eingesetzt. Der bat allerdings 1974 um Abberufung. Damit endete nach 135 Jahren die Leitung der Firma unter der Familie Behr. Noch heute an vielen Orten in Berlin sichtbar, sind die bis dahin entstandenen Metallarbeiten. Dazu zählen unter anderem Laternen und Kandelaber, Poller am Brandenburger Tor und vorm Friedrichstadtpalast oder das Geländer der Liebknechtbrücke.

Seit nunmehr fast 25 Jahren die beiden Behr-Brüder Markus und Johannes die Metallgieß-Tradition fortsetzen, hat sich  die Produktionspalette erweitert. Stadtmobiliar, Schilder- und Industrieguss – das sind die drei Schwerpunkte. Ihre Spuren haben die 20 Mitarbeiter der Gießerei beispielsweise an der Rathausbrücke in Mitte hinterlassen: 840 Aluminium-Halbschalen wurden für das Geländer gegossen, die eine Aststruktur besitzen. Aber auch die Mauerschilder, die überall dort in den Straßenbelag eingelassen wurden, wo einst der Betonwall verlief, kommen aus dem Hause Behr. Gedenktafeln für die Buga in Schwerin, Firmenschilder oder etwa nur zwei Zentimeter große Zahlen für die Reichsbahn, gehören zur abwechslungsreichen Produkt-Palette.

In diesen Wochen werden gerade 280 Lichtmasten im Auftrag des Berliner Senats gegossen. Die drei Meter hohen Teile erhalten ihr Aussehen, indem 820 Grad Celsius heißes Aluminium in Formen fließt. „Nach etwa einer Stunde ist der Mast ausgehärtet, wir lassen ihn abkühlen, später wird er geputzt und pulverbeschichtet“, sagt Gießereimechaniker Maik Buhrz. Das, was er beruflich tut, sei für ihn „der schönste Job der Welt“. Weil man wirklich alle möglichen Formen und Größen gießen könne.

Sein Chef, Markus Behr, sieht das ähnlich. Hatte er 1990 noch wenig Ahnung von dem, was er inzwischen macht, kann sich der gelernte Kaufmann inzwischen nichts anderes mehr vorstellen. Wie ein Praktikant sei er anfangs durch die Werkstätten, Hallen und Betriebsteile gelaufen – habe geschaut und gefragt und viel gelernt. Und traf, wie seine Vorfahren, eine Entscheidung mit Weitblick: 2003 wurden alle Betriebsteile im Gewerbegebiet an der Grenzgrabenstraße zusammengeführt. Dort wird Ende August auch das 175-jährige Firmenjubiläum gefeiert.

veröffentlicht am 24. Juli 2014; Autorin: Steffi Bey | Fotos: Steffi Bey

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