FRIEDRICHSHAIN/ LICHTENBERG. An der Ecke Frankfurter Allee und Gürtelstraße warten sie schon. Neun Menschen wollen es an diesem Tag wagen. Sie wollen Abenteuer mit kulinarischen Highlights, sie wollen Obst direkt vom Baum. Kurzum: Sie wollen mundräubern gehen. Angeführt wird die Fahrradtour von Magda Zahn und Andie Arndt.

Das Mundraub-Team lädt zu Ernte-Touren durch Berlin. Die Beute: Obst und Nüsse, die sonst keiner pflückt.
Das Mundraub-Team lädt zu Ernte-Touren durch Berlin. Die Beute: Obst und Nüsse, die sonst keiner pflückt.

Es ist noch nicht lange her, da galt Mundraub als eigenständiges Delikt mit Geldstrafe. Auch heute kann Mundraub als Diebstahl aufgefasst und strafrechtlich verfolgt werden. Doch keiner der Anwesenden macht einen Rückzieher. Mit vollem Elan treten sie auf die Pedalen. Es geht an der Allee vorbei in ein ruhiges Wohngebiet zu einem Spielplatz. Gleich am Zaun heißen zwei Mirabellenbäume die Truppe willkommen.

Magda Zahn geht mit dem Obstpflücker heran. Schon regnet es Mirabellen. Die erste Mirabelle: herrlich süß. Während die Früchte nach und nach in den Tüten verschwinden, klärt Magda auf: Streng genommen ist in Deutschland kein Baum, kein Busch herrenlos. Daher braucht man immer die ausdrückliche Genehmigung der Baumeigentümer. Für die Bäume an öffentlichen Plätzen hat die Stadt Berlin offiziell das Okay gegeben. „Ist man sich nicht sicher, soll man es lieber sein lassen und Kontakt zu den Menschen in der Nähe aufnehmen.“ Derweil bereitet Andie Arndt kleine Brothäppchen mit Mirabellenmarmelade auf. Natürlich selbst gemacht, mit herzlichen Grüßen vom gesamten Mundraub-Team.

Das Mundraub-Team besteht derzeit aus fünf Mitgliedern. Kai Gildhorn ist Gründer der Online-Initiative www.mundraub.org. Auf einer Kanufahrt im Jahr 2009 wurden Kai Gildhorn und seine Freundin Katharina Frosch mit der Absurdität der Konsumwelt konfrontiert: Während am Ufer jede Menge Büsche, Mirabellen und Zwetschgen in den Fluss hingen, lag im Boot teures Supermarkt-Obst. Dieses Bild ließ wohl beide nicht mehr los. So begannen sie, auf Google Maps frei verfügbare Obstbäume zu kennzeichnen und sie weiterzuempfehlen. Andere fügten ihre Fundorte ein, nach kurzer Zeit war die Karte voll. Aus der Karte und der Idee wurden eine Webseite, aus der Webseite schließlich die Initiative Mundraub, die 2010 den Nachhaltigkeitspreis der Bundesrepublik Deutschland gewann.

Derzeit gibt es auf der Mundraubkarte rund 2.000 Einträge allein für Berlin und Umgebung. Fast 18.000 Nutzer registriert die Webseite. Tendenz steigend. Wie geht das Team mit den Einträgen um? Früher hätten die Mitglieder versucht, zumindest jeden Standort über Google Earth nachzuschauen. Bei 10.000 Einträgen bundesweit ist es unmöglich geworden. „Wir gehen nach dem Prinzip vor wie bei Wikipedia. Wenn jemand Einwände gegen einen Standort hat, kann er das kommunizieren“, fasst Magda Zahn zusammen. Das Team zählt auf Vertrauen und auf Selbstkontrolle der Community. „Man darf den Menschen eine gewisse Mündigkeit zusprechen. Die wenigsten werden absichtlich Unsinn reinschreiben.“ Natürlich gebe es schwarze Schafe. Gegen sie versucht das Team so gut wie möglich vorzugehen. Auch von Organisationen wie NABU bekommen sie manchmal konstruktive Kritik. „Aber wir sind keine wilde Horde, die sich auf die armen Obstbäume stürzt und alles zerstört.“

Vom Spielplatz mit den Mirabellenbäumen geht es weiter Richtung Süden über den Treptower Park. Manchmal hält Magda an und stellt ihre berühmte Frage: „Was seht ihr?“ Mal war es ein türkischer Haselnussbaum direkt am Wegrand, mal ein Sanddornbusch. Einmal pflückt die Expertin eine Lilie und beißt genüsslich in die orangenen Blätter. Der Ausdruck in den Gesichtern der Teilnehmer: einmalig.

„Genau das wollte ich schon immer tun. Ich wollte den Stadtmenschen die Natur wieder näher bringen“, erzählt Magda Zahn. „Und mit der Mundraub-Tour können sie die Natur direkt fühlen, schmecken, riechen, erleben.“

Dass die Früchte in der Stadt kaum mit Schadstoffen belastet sind, hat 2012 eine Untersuchung vom Institut für Ökologie an der TU Berlin bewiesen. An 172 Stellen in Berlin wurden Proben untersucht. Die Werte für Kadmium und Blei lagen weitgehend unter den EU-Grenzwerten.

Die Stars des Tages sind eindeutig die Mirabellen. So wundert es nicht, dass die Tour bei einem Mirabellenbaum endet. Ein Kilogramm Mirabelle, ein Sack voller Zwetschgen, ein Korb knackiger Äpfel und vielleicht auch schon einige Maronen. So hat man sich anfangs seine Beute vorgestellt. Zugegeben, die Vorstellung war nicht realistisch, wenn man bedenkt, dass die Früchte zu verschiedenen Zeiten reifen.

veröffentlicht am 18. August 2014; Autorin: Thuy Anh Nguyen | Foto: Marcel Gäding

Obsternte in Berlin: süße Mirabellen am Spielplatz
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