Das Museum Kesselhaus präsentiert nicht nur Geschichte. Mittlerweile ist es auch ein Ort für zeitgenössische Kunst und Kultur. Noch darf man von einem Geheimtipp sprechen.

Das Museum Kesselhaus auf dem Gelände des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth ist ein beeindruckendes Industriedenkmal. Ganz nebenher entwickelt es sich auch zum Kulturhaus.
Das Museum Kesselhaus auf dem Gelände des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth ist ein beeindruckendes Industriedenkmal. Ganz nebenher entwickelt es sich auch zum Kulturhaus.

LICHTENBERG. Hinter der Zufahrt vom Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge erstreckt sich ein wunderschönes Gelände. Die einzelnen, backsteinroten Gebäude im Stil des Klassizismus verteilen sich zwischen liebevoll gestalteten Blumenbeeten und gepflegten Rasenflächen. Wuchtige, alte Bäume machen aus dem Gelände eine kleine Oase in der Großstadt. Am Ende des Areals steht ein kleines, unscheinbares Haus. Man übersieht es schnell, das einstige Kesselhaus hinter dem Müllplatz der Klinik – wäre da nicht jenes Schild über der Eingangstür. Seit 2003 ist das frühere Heizhaus des Evangelischen Krankenhauses ein Museum. Und seit wenigen Jahren auch Adresse für zeitgenössische Kunst.

Bis 1992 diente das Kesselhaus der Wärmeversorgung des weitläufigen Areals. Damals zur Eröffnung im Jahre 1893 wurde in dem Gebäude auch der Strom erzeugt. Erst mit dem Beitritt Lichtenbergs zur Stadt Berlin im Jahre 1920 kam auch der Anschluss an das städtische Energienetz. Wärme jedoch wurde bis kurz nach der Wende produziert – und das in Kesseln aus drei Epochen. Einer stammt aus dem Jahr 1892, drei von 1938 und zwei aus den 1960er-Jahren. Schautafeln erläutern die Funktion der Kessel und sorgen auch für so manchen Aha-Effekt. So stammen die 1938 gebauten Kessel aus der Reichskanzlei in Mitte. Normalerweise wären sie als Reparation in der Sowjetunion gelandet. Weil aber am Standort des Krankenhauses in Herzberge auch sowjetische Armeeangehörige behandelt wurden, ließ man die Technik 1945 vom alten Regierungsviertel nach Lichtenberg transportieren. Bis zu 40 Heizer befeuerten die Kessel mit Kohlen. Nachschub lagerte auf dem Hof, wo sich heute die Müllcontainer befinden. An heißen Tagen fing das Brennmaterial schon mal Feuer und musste gelöscht werden. „Das dadurch entstehende Gas roch wie faule Eier“, sagt der langjährige technische Betriebsleiter des Krankenhauses, Joachim Schütz.

Der 71-jährige Diplomingenieur ist der Vorsitzende des Fördervereins Museums Kesselhaus Herzberge e.V. Die knapp 30 Mitglieder bewahren die Industriegeschichte. Angefangen hatte alles 1999. Da brannte schon sieben Jahre kein Feuer mehr in den Kesseln. Die Spuren des Leerstandes waren nicht zu übersehen. Gemeinsam mit dem Verein „Baufachfrau Berlin“ wurden Pläne für eine Sanierung geschmiedet. Hinzu kamen Anträge für den Einsatz von ABM-Kräften – also langzeitarbeitslosen Menschen. Gut zwei Millionen D-Mark flossen in das Gebäude. Nicht gezählt wurden die Arbeitsstunden der ehrenamtlichen Vereinsmitglieder, zu denen viele frühere Krankenhausbeschäftigte gehören.

GALERIE: Unterwegs im Kesselhaus

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Noch heute riecht man das Schmieröl der Anlagen. Die wuchtigen Kessel stehen nach wie vor an ihrem Platz. Patina hat sich auf die Maschinen in der oberen Etage gelegt. Neben der alten Kesselhalle wurde ein Theater- und Konferenzsaal hergerichtet. Im Erdgeschoss ist eine Ausstellungswelt entstanden: Eine Schau widmet sich dem Schaffen des Architekten Hermann Blankenstein. Er ist nicht nur der Baumeister des Evangelischen Krankenhauses gewesen, sondern auch Architekt vieler öffentlicher Gebäude in Berlin. Dazu gesellt sich eine Technik- und Architekturausstellung mit Bauzeichnungen aus den Jahren 1893 bis 1988. Die Dritte im Bunde ist die medizinhistorische Ausstellung mit Instrumenten, Mobiliar und anderen krankenhaustypischen Gegenständen. An zwei Tagen in der Woche ist geöffnet. Mehr ist nicht drin, denn dem Verein fehlt das Personal. Bis auf den einen oder anderen kleinen Sonderzuschuss der Bezirksverordnetenversammlung fehlt es auch an öffentlichen Zuwendungen. 7.000 Euro Betriebskosten muss der Verein im Jahr aufbringen, um das Museum zu bewirtschaften.

Um das Geld zu erwirtschaften, werden die Räume für Tagungen, Hochzeiten oder Familienfeiern vermietet. Trotz seiner Einzigartigkeit – das Museum Kesselhaus bleibt ein Geheimtipp, und das ist nicht immer positiv zu sehen. Damit auch Menschen außerhalb des Bezirks auf dieses industriegeschichtliche Kleinod aufmerksam werden, kam 2007 die Idee, zeitgenössische Kunst ins Haus zu holen: Aquarelle, Skulpturen und Fotos sind seither im Wechsel von vier bis sechs Wochen zu sehen. „Damals war ich angenehm überrascht, mit welch menschlicher Wärme ich hier empfangen wurde“, sagt die Hobbymalerin Tabea Junge. Erst stellte sie im Kesselhaus aus, später wurde sie Mitglied im Verein. Inzwischen ist sie dessen stellvertretende Vorsitzende und als Kuratorin für die Kunst im Hause zuständig.

„Dieses Gebäude ist nicht vergleichbar mit anderen Gebäuden“, sagt die frühere Diakonin. Eng ist die Zusammenarbeit mit dem Kulturring in Berlin, aber auch mit der Klinik. Einmal im Jahr stellen Patienten ihre Werke aus, die im Rahmen von Kunsttherapien entstanden. Ab und an kommen jetzt auch Musiker wie unlängst Tina Tandler. Dann ist das Haus voll, die Stimmung gut.

Längst ist nicht alles ausgeschöpft, wenn es um pfiffige Ideen geht, sagt Joachim Schütz. Doch es fehlt an engagierten Ehrenamtlichen. Hinzu kommt, dass viele Vereinsmitglieder wegen ihres Alters langfristig auch darüber nachdenken, etwas kürzer zu treten. Eine Arbeitsgruppe wurde gegründet, um mittelfristig die Geschicke des Museums in neue, jüngere Hände zu geben.

 

Veranstaltungen im Kesselhaus

Kunstausstellung: In der Zeit vom 22. Juli bis zum 4. September sind Öl- und Acrylbilder der Künstler Heidrun Wittkowski und Anahyt Mkrtchyan zu sehen. Die Finissage ist am 21. August um 18 Uhr.

Theaterparcours/ Sommerfest: Shakespeares Sommernachtstraum steht auf dem Programm des Theaterparcours am 28. und 29. August. Am 30. und 31. August findet auf dem Krankenhausgelände und im benachbarten Landschaftspark das Sommerfest „Herzberger Lichter“ statt.

Tag des offenen Denkmals: Zum Tag des offenen Denkmals am 14. September ist das Museum Kesselhaus von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Um 12 und um 15 Uhr gibt es fachkundige Führungen durch das Industriedenkmal.

Adresse und Öffnungszeiten: Museum Kesselhaus Herzberge, Herzbergstraße 29, 10365 Berli, Haus 29, dienstags von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr. Eintritt: 2 Euro. Gruppenanmeldungen und Führungen nach Vereinbarung unter Tel. (030) 54 72 24 24.

Internet: www.museumkesselhaus.de

veröffentlicht am 9. Juli 2014, Autor: Marcel Gäding | Fotos: Marcel Gäding

 

Museum Kesselhaus avanciert zum Kulturhaus
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