Das Museum Lichtenberg widmet sich in einer neuen Ausstellung dem Alltag sowjetischer Soldaten in Lichtenberg und Hohenschönhausen. Erstmals werden auch Bilder des Fotografen Rudolf Jünke gezeigt. Er war eine Art Haus- und Hoffotograf.

Das Museum Lichtenberg widmet sich in einer neuen Ausstellung dem Alltag sowjetischer Soldaten in Lichtenberg und Hohenschönhausen. Erstmals werden auch Bilder des Fotografen Rudolf Jünke gezeigt.
Das Museum Lichtenberg widmet sich in einer neuen Ausstellung dem Alltag sowjetischer Soldaten in Lichtenberg und Hohenschönhausen. Erstmals werden auch Bilder des Fotografen Rudolf Jünke gezeigt.

LICHTENBERG. Ihre erste Begegnung mit den Russen hatte sie, als sie 13 Jahre alt war. Ilse Jünke hat die Bilder von dem Rotarmisten noch vor Augen, der plötzlich im Haus stand und zu verstehen gab, dass fortan er und seine Soldaten hier wohnen werden. Also zog die Familie in den Keller und richtete sich ein, soweit dies möglich war. Die Großmutter bekochte die Männer. Man gewöhnte sich aneinander in dieser wirren Nachkriegszeit. „Wir Kinder bekamen ab und an Kommissbrot oder Suppe aus der Gulaschkanone“, erinnert sich Ilse Jünke. „Wir hatten zum Glück nicht die negativen Erlebnisse mit den Russen wie andere.“

Es ist ein differenziertes Bild, das Ilse Jünke über jene Zeit zeichnet – nicht zuletzt auch, weil die Russen im Leben von ihrem Mann und ihrem Schwiegervater eine große Rolle spielten. Letzterer war der Fotografenmeister Rudolf Jünke, der an der Große-Leege-Straße in Hohenschönhausen wohnte und arbeitete. In einer zweieinhalb Zimmer großen Wohnung lebten Jünkes mit ihren vier Kindern, darunter Sohn Hartmut. Geschlafen wurde im Wohnzimmer auf Betten, die man herunterklappen konnte. Tagsüber wurde der Platz für das Atelier benötigt. Dort ließen sich die Offiziere im feinsten Rock ablichten.

Dass Rudolf Jünke kurze Zeit nach Kriegsende zurück nach Hohenschönhausen durfte, ist einem glücklichen Umstand zu verdanken. Zunächst war er als Kriegsgefangener in einem Lager bei Frankfurt/Oder untergebracht. Er war sich sicher, dass auch er auf eine ungewisse Reise nach Sibirien geht – bis der Kommandant sich erkundigte, ob unter den Kriegsgefangenen ein Fotograf sei. „Auch damals liebte man das Festhalten von Ereignissen im Bilde“, schrieb später Jünkes Sohn Hartmut auf. Während die anderen Inhaftierten abtransportiert wurden, begann Jünke damit, das Leben der Russen im besetzten Deutschland festzuhalten. Darunter sind auch wenige Aufnahmen direkt aus dem Lager. Rudolf Jünke durfte im September 1945 wieder nach Berlin zurück. Als entlassener Kriegsgefangener war er dazu verpflichtet, sich auf der sowjetischen Kommandatur zu melden. Schnell sprach sich bei den Russen herum, wer sich dort vorstellte. Fortan füllte sich Jünkes Auftragsbuch mit Terminen russischer Offiziere.

AUS DER AUSSTELLUNG SOLDATENLEBEN

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Gut 100 Aufnahmen sind aus dieser Zeit erhalten geblieben. Sie zeigen junge sowjetische Soldaten, mal in der Gruppe, mal stolz vor Militärfahrzeugen. 1946 ließen sich viele von ihnen am festlich gedeckten Tisch ablichten, um diese Aufnahmen als Silvestergruß in die Heimat zu senden. Dekoriert wurde mit echtem Kommissbrot, das die Russen dem Fotografen als Bezahlung zurückließen. Die auf dem Foto eingesetzte (leere) Schnapsflasche, Gläser, Teller und Messer steuerten Jünkes bei. „Die Bilder sollten natürlich auch ausdrücken, mit welchen persönlichen Vorteilen und Errungenschaften man in Deutschland Bekanntschaft gemacht hatte“, erinnert sich Hartmut Jünke in seinen Aufzeichnungen.

Fotografiert wurde manchmal hintereinander weg: Ins kleine Wohnzimmer ließ Rudolf Jünke meist nur drei Soldaten oder Offiziere, während die anderen im Treppenhaus warten mussten. Anfangs hätten die Soldaten Wert auf gemeinsame Fotos gelegt. „Sie waren die Gleichmacherei im Militär gewohnt und hatten offensichtlich Furcht, sich persönlich zu präsentieren“, heißt es hierzu in den Aufzeichnungen von Hartmut Jünke. So entstanden häufig die gleichen Posen – manches mal auch durchaus skurrile Szenen. Ein Oberfeldwebel ließ sich mit seiner Pistole fotografieren, was andere nachahmten. Ein anderer zog mit angeleintem Hund vor die Kamera. Der Vierbeiner fühlte sich sichtlich unwohl. Das Bild wirkt unfreiwillig komisch.

Ilse Jünke hütet das Erbe ihrer Familie.
Ilse Jünke hütet das Erbe ihrer Familie.

Bis 1948 war Fotografenmeister Jünke für die Russen im Einsatz. Oft verließ er seine Wohnung und baute seine Leinwand in einer der Villen rund um den Obersee auf. Die schmucken Häuser waren von den Russen besetzt worden. „Mein Mann assistierte seinem Vater und schnitt die Bilder zu“, sagt Ilse Jünke. Das hat ihn geprägt. „Später fotografierte er selbst gern in seiner Freizeit.“

Dass jene Bilder von 1945 bis 1948 jetzt der Öffentlichkeit präsentiert werden, war Hartmut Jünkes sehnlichster Wunsch. Jahrelang hatte der promovierte Ingenieur versucht, ein Museum für diese Aufnahmen zu begeistern. Bis nach Schweden, wo Jünkes Bruder lebt, gingen die Bemühungen. „Leider war es meinem Mann nicht vergönnt, dabei zu sein, wie seine Bilder gezeigt werden“, sagt Ilse Jünke. Hartmut Jünke starb im vergangenen Sommer nach schwerer Krankheit mit 81 Jahren.

Soldatenleben in Lichtenberg

Das Museum Lichtenberg eröffnete am 20. Juni die Ausstellungen „Russischer Soldatenalltag in Deutschland 1990-1994“ sowie „Die unbekannten Sieger“. Anlass ist der 20. Jahrestag des Abzugs der Russen aus Deutschland, der 1994 abgeschlossen wurde. Die Expositionen entstanden unter anderem in Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst. Sie sind bis Ende September zu sehen.

Die sowjetische Armee besetzte im Mai 1945 Karlshorst und baute dort die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) auf. Das Gelände rund um den Obersee wurde ebenfalls von Militärs besetzt und abgeriegelt. Während das Areal später wieder aufgegeben wurde, bestimmte die Anwesenheit der sowjetischen Streitkräfte den Alltag von Karlshorst.

Begleitet werden die Ausstellungen von zahlreichen Veranstaltungen. Am 25. Juni wird um 19 Uhr aus den Manuskripten von Hartmut Jünke gelesen. Einen Vortrag über die Fotografien von Wladimir Borissow gibt es mit Margot Blank vom Deutsch-Russischen Museum am 2. Juli um 19 Uhr.

Weitere Informationen:
www.museum-lichtenberg.de

veröffentlicht am 8. Juli 2014, Autor: Marcel Gäding | Fotos: M. Gäding/ Museum Lichtenberg

Soldaten in Lichtenberg: unbekannte Sieger
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