Viele Wohnungsgenossenschaften feiern in diesen Tagen ihr 60-jähriges Bestehen. Ein Empfang folgt dem anderen. Doch das Bezirks-Journal blickt abseits der Feierpfade und traf Fred Boger, der seiner Genossenschaft seit 60 Jahren die Treue hält.
Viele Wohnungsgenossenschaften feiern in diesen Tagen ihr 60-jähriges Bestehen. Ein Empfang folgt dem anderen. Doch das Bezirks-Journal blickt abseits der Feierpfade und traf Fred Boger, der seiner Genossenschaft seit 60 Jahren die Treue hält.

Seit 60 Jahren wohnt Fred Boger in ein- und demselben Haus. Er ist der Mann der ersten Stunde, denn der Wohnblock ist gleichzeitig das erste Haus der Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg (WGLi), das 1954 gebaut wurde. Das Bezirks-Journal hat Fred Boger daheim besucht.

LICHTENBERG. Der Blick vom Balkon auf den liebevoll gestalteten Garten ist auch ein Blick in die Vergangenheit – zumindest für Fred Boger. Nur wenige Bewohner des Wohnhauses an der Josef-Orlopp-Straße können noch aus eigenem Erleben berichten, wie das hier mal aussah. „Wo sich jetzt ein Blumenbeet befindet, stand einst eine Mühle“, sagt Fred Boger. Die Birke und die Kastanie weiter hinten haben seine Nachbarn und er in den 1950er-Jahren gepflanzt. Und im Sommer trafen sie sich hinterm Haus, um den Rasen zu mähen. Fred Boger ist ein Mann der ersten Stunde in diesem Wohnhaus. Er zog 1954 zunächst in eine zweieinhalb Zimmer große Wohnung, die er sieben Jahre später gegen die Vier-Raum-Wohnung im Aufgang nebenan tauschte. Dort lebt der inzwischen 81-Jährige bis heute.

Mieter wie Fred Boger gibt es nur noch wenige an der Josef-Orlopp-Straße. Das Wohnhaus ist das erste Gebäude der einstigen Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) VEB Siemens-Plania, die am 4. Juni 1954 gegründet wurde. Der Giebel eines der ersten Gebäude an der Ecke Ruschestraße und Josef-Orlopp-Straße erinnert seit einigen Wochen an die Geschichte der Genossenschaft, die nach dem Mauerfall in Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg umbenannt wurde. Anfangs waren sie 27 Mitglieder, sagt Fred Boger. Damals habe der Vorsitzende der AWG die Fäden in der Hand gehabt und die Einsätze der Mitglieder organisiert. Denn jeder künftige Bewohner musste 200 Arbeitsstunden leisten, um eine der begehrten Wohnungen für 73 Pfennig pro Quadratmeter anmieten zu können. Im Gegensatz zu anderen Wohnungen war das eine günstige Miete. Woanders musste man schon 90 Pfennig pro Quadratmeter berappen.

Für den gelernten Großhandelskaufmann Fred Boger und seine 2005 verstorbene Frau Lieselotte war die Genossenschaft das große Glück. Gern halfen sie bei den Arbeitseinsätzen, Dachziegel in die obere Etage zu transportieren oder Schächte für Elektrokabel aufzustemmen. Im Nachkriegs-Berlin kam die neue Wohnung mit Platz für die junge Familie wie gerufen. 1961 zog es die Bogers in die Hausnummer 12, zweite Etage, vier Zimmer. Dort verbrachte die Familie eine wunderbare Zeit, an die sich die sieben Kinder von Fred und Lieselotte Boger heute noch gut erinnern. „Die Geburtstage haben wir im Wohnzimmer gefeiert“, sagt Fred Boger. Tische und Stühle wurden so gestellt, dass 25 Menschen Platz fanden. Die sieben Kinder teilten sich zwei Zimmer, schliefen im Doppelstockbett oder auf ausziehbaren Sofas.

Das Wohnhaus, in dem Fred Boger bis heute wohnt, hat die Zeiten überstanden und ist doch so etwas wie ein kleines Wohndenkmal. 1997 wurden die alten Kachelöfen durch moderne Heizungen ersetzt, auch die Fenster und alten Elektroleitungen in Bad und Küche wurden getauscht. Doch vieles hier ist noch wie 1954: Dazu gehören die schönen, alten Holztüren mit den Milchglasfenstern. Oder der Steinfußboden im Treppenhaus. So mancher Lichtschalter hat die Jahre in den Wohnungen überlebt. Und auch die alte Speisekammer dient zumindest Fred Boger weiter als Stauraum. „Die sollte eigentlich im Zuge der Küchensanierung weichen“, sagt Boger. Er bat aber darum, das Kämmerlein unversehrt zu lassen.

Um das Haus herum hat sich alles verändert. Auf der Josef-Orlopp-Straße nach vorn raus fahren unentwegt Autos und Linienbusse. Vom einstigen Rittergut, auf dem das Wohnhaus entstand, ist auch nichts mehr übrig. Während sich Berlin in den vergangenen Jahrzehnten veränderte, blieb das Wohnhaus von Fred Boger und seinen Nachbarn fast unverändert – sieht man mal von der sanierten Fassade ab. Drinnen, in seiner Wohnung, steht noch die erste Hellerau-Schrankwand, die sie sich damals gekauft haben. Auch die Stühle am Esstisch, die kleinen Beistelltischchen oder die Wanduhren haben die Zeit überstanden.

Mehrmals hat Fred Boger überlegt, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Seit dem Tod seiner Frau ist es hier sehr ruhig und vier Zimmer für eine einzelne Person fast schon zu viel. Doch zum einen ist Boger noch sehr rüstig, putzt selbst und hält sein trautes Heim gut in Schuss. Zum anderen müsste er für eine kleinere Wohnung genauso viel Miete bezahlen. Denn: Als Bestandsmieter wohnt Boger bei der WGLi günstig, die Grundmiete liegt bei 415 Euro. Woanders bekommt man dafür gerade einmal eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung.

 

Wohnungen in Lichtenberg: traditionell gebaut 

Die WGLi wurde am 4. Juni 1954 als Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) VEB Siemens-Plania, dem späteren VEB Elektrokohle, gegründet. Das Richtfest für den ersten Wohnblock der Genossenschaft wurde am 18. Dezember 1954 gegründet. Bis 1958 wurden sechs Wohnobjekte mit 146 Wohnungen fertiggestellt. Sie entstanden in traditioneller Bauweise.

Deutlich schneller wurden die weiteren Wohnhäuser der AWG ab den 1960er-Jahren in industrieller Plattenbauweise errichtet. 1962 entstehen die ersten sechs Wohnobjekte im Großblockverfahren. Ab 1965 beschäftigt die AWG ein eigenes Handwerkerteam für die Instandhaltung der Häuser. 1969 folgen die ersten Wohnungen im „Hans-Loch-Viertel“ in Friedrichsfelde – in zehngeschossigen Wohnbauten des Typs QP64.

Ab 1972 entstand mit dem Fennpfuhl die erste zusammenhängende Plattenbau-Großsiedlung der DDR. Bis heute leben in dem Lichtenberger Ortsteil die meisten Mieter der Genossenschaft. Bis Ende der 1970er-Jahre wächst der Wohnungsbestand der AWG auf 10.489 Wohnungen.

Im September 1990 bekommt die AWG einen neuen Namen und eine neue Satzung. Es ist die Geburtsstunde der WGLi Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg e.G. Die Genossenschaft verfügt jetzt über 10.134 Wohnungen, in denen 25.000 Menschen leben. Sie ist die größte Genossenschaft Berlins.  (Quelle: WGLi)

veröffentlicht am 3. Juli 2014, Autor: Marcel Gäding

Lichtenberg: Sechs Jahrzehnte in einer Wohnung
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