Interkultureller Garten Lichtenberg (2)
Der Interkulturelle Garten in Lichtenberg ist einmalig in Berlin. Auf 13000 Quadratmetern gärtnern Menschen aus der ganzen Welt.

Im Interkulturellen Garten an der Liebenwalder Straße treffen sich Menschen aus der ganzen Welt. Jeder hat sein eigenes, kleines Beet – und eine eigene Geschichte zu erzählen.

Die Sonne meint es gut an diesem späten Nachmittag. Mit einem Grubber beseitigt Zejna das Unkraut zwischen den Brechbohnen. Gerade hat sie eine Walnuss gefunden, die vermutlich ein Eichhörnchen auf seinem Streifzug durch Alt-Hohenschönhausen liegen ließ. „Ach, die stecke ich in die Erde, mal sehen, was passiert“, sagt Zejna. Die frühere Bankangestellte hatte nie einen eigenen Garten. Ihre Eltern seien zwar passionierte Kleingärtner gewesen, sagt die 56-Jährige und lächelt. Sie aber versucht alles auf gut Glück.

Zejna ist Hobbygärtnerin und nutzt eines von insgesamt 51 Beeten im Interkulturellen Garten in Alt-Hohenschönhausen. An der Liebenwalder Straße entstand auf einer Fläche von 13.000 Quadratmetern eine beeindruckende Oase, in die sich die Gärtner aus aller Herren Länder zurückziehen können. Jedes Beet sieht anders aus. Der eine mag den Wildwuchs und setzt mehr auf Blumen. Andere wie Zejna lieben Gemüse, das sie dann für leckere Suppen verarbeiten. 2005 gab es den ersten Spatenstich, 2006 wurden die alten, leerstehenden Kitagebäude abgerissen. Die erste richtige Gartensaison startete 2007, sagt die Sozialpädagogin und Sozialmanagerin Anne Haertel. Sie ist Projektleiterin des Interkulturellen Gartens und arbeitet für die Sozialdiakonische Arbeit Berlin GmbH. Das Unternehmen ist Träger des Gartens. Die rund 140 Gärtner kommen aus dem früheren Jugoslawien, aus Teilen Afrikas, aus England, Frankreich oder Asien und nutzen derzeit 34 Beete.

 

Galerie: Interkultureller Garten Lichtenberg

 

„Unser Konzept sieht vor, dass mindestens 50 Prozent der Menschen über einen Migrationshintergrund verfügen“, erklärt Anne Haertel. Unter den Gärtnern finden sich zum Teil auch binationale Ehepaare unterschiedlicher Generationen. Zum Garten gehören ein Gartencafé, ein Lehmhaus mit Küche, ein Wildbienenhotel und eine Obstwiese. Kräuter- und Steingärten werden gemeinsam bewirtschaftet. Für Sommerfeste steht ein Lagerfeuerplatz zur Verfügung. Zu Beginn wurde versucht, Stimmung gegen das Projekt zu machen. Vertreter einer rechten Partei schürten sogar mit Flugblättern in der Nachbarschaft Ängste – oder versuchten es zumindest. Denn der „Protest“ ging gründlich in die Hose.

Wer auf die 40 Quadratmeter schaut, die Zejna zusammen mit zwei anderen Frauen hegt, pflegt und in Schuss hält, stellt fest: Das Glück ist auf Zejnas Seite. Ihre Tomaten, der Spinat und die Zucchini wachsen prächtig, auch die Gurken, die Kartoffeln und der scharfe Paprika gedeihen hervorragend. Nur wenige Samen hat Zejna gekauft. Die für die Tomaten hat sie einfach aus gekauften Früchten herausgenommen. Sie staunte selber nicht schlecht, dass sie damit eine Handvoll Tomatenpflanzen hochziehen konnte. So oft es geht, ist Zejna in Alt-Hohenschönhausen, auch wenn sie dafür die Fahrt von Lichtenberg bis hierher in Kauf nehmen muss. Seit drei Jahren ist das so, und alles ist wie ein bisschen Therapie. „Das Gärtnern tut mir und meinem Herzen gut“, sagt sie. Es sollte mehr solcher Gärten in Berlin geben, findet sie.

Das Ziel des Interkulturellen Gartens ist die Gemeinschaft von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Ländern. „Unser soziales Anliegen besteht darin, über das Gärtnern Verbindungen zu schaffen“, sagt Anne Haertel. Die Idee sei der Austausch über gemeinsame Interessen. Untereinander werden schon mal Pflanzen getauscht und Gespräche geführt. Es gibt Veranstaltungen, bei denen es mal fröhlich und mal nachdenklich zugeht: Flucht, Vertreibung, Krieg – und Ankunft in einem fremden Land tauchen da beispielsweise als Themen auf. Und dann geht es aber zuweilen auch um ganz banale Dinge des Lebens – etwa darum, wie Erdbeerkonfitüre hergestellt wird.

Jeder Gartennutzer muss im Monat 15 Euro an den Träger zahlen. Von den Einnahmen werden die laufenden Kosten bestritten. Dafür dürfen die Gärtner Wasser, Toiletten und Gemeinschaftsgeräte benutzen. Den Rest der Kosten muss der Verein selbst irgendwie ohne Zuschüsse stemmen. „Ich wäre froh, wenn wenigstens die Kosten für eine halbe Personalstelle übernommen würden“, sagt Anne Haertel. Dann wäre dies eine sichere Perspektive für den Interkulturellen Garten. Auch hätten sie gerne einen längeren Vertrag und noch mehr Zulauf aus dem Kiez.

Kontakt

Interkultureller Garten Lichtenberg, Liebenwalder Straße 12-18, 13055 Berlin, Tel. (030) 81 85 90 98.
Internet: www.interkulturellergarten.de

veröffentlicht am 26. Juni 2014; Autor: Marcel Gäding

Garten der Welt: 40 Quadratmeter Glück in Hohenschönhausen
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