Rummelsburg war mehr als 100 Jahre Arbeitshaus und Gefängnis. Seit einigen Jahren ist der Standort eine gefragte Wohngegend. Die neuen Bewohner leben in den früheren Zellen oder Townhouses. Einige widmen ihre Freizeit der Geschichtsforschung.
Rummelsburg war mehr als 100 Jahre Arbeitshaus und Gefängnis. Seit einigen Jahren ist der Standort eine gefragte Wohngegend. Die neuen Bewohner leben in den früheren Zellen oder Townhouses. Einige widmen ihre Freizeit der Geschichtsforschung.

Rummelsburg war mehr als 100 Jahre Arbeitshaus und Gefängnis. Seit einigen Jahren ist der Standort eine gefragte Wohngegend. Die neuen Bewohner leben in den früheren Zellen oder Townhouses. Einige widmen ihre Freizeit der Geschichtsforschung. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Als Stefanie Lücke mit ihrem Mann eine gemeinsame Wohnung in Berlin sucht, stoßen sie durch Zufall auf Rummelsburg. Zwischen schönen, alten Backsteinhäusern sollten die vom Immobilienentwickler versprochenen Reihen- und Mehrfamilienhäuser entstehen. Beim ersten Spaziergang am nahegelegenen Rummelsburger See mit Blick auf die verträumte Halbinsel Stralau kamen Erinnerungen an die Ostsee hoch. „Schnell war uns klar, hier wollen wir wohnen“, erinnert sich Lücke. Was der Immobilienentwickler jedoch in seinen Hochglanzprospekten verschwieg: Das Areal zwischen der Hauptstraße und dem See hat eine dunkle Vergangenheit. Von 1877 bis 1990 diente es als Arbeitshaus und Gefängnis. Sowohl in der Kaiserzeit als auch später unter den Nazis und in der DDR wurden auf dem Gelände Menschen inhaftiert – viele von ihnen, weil sie gegen die jeweiligen politischen Systeme aufbegehrten. „Ich war entsetzt, dass uns diese Information vorenthalten wurde“, sagt Stefanie Lücke heute. Inzwischen ist sie Mitglied des Freundeskreises „Wir erinnern“. Hier engagieren sich Bewohnerinnen für das Gedenken an einen Ort mit wechselvoller Geschichte. Das Personalpronom „Wir“ darf durchaus doppeldeutig gesehen werden. Es verkörpert die Gemeinschaft und die Zugehörigkeit zum Nachbarschaftsverein WIR e.V. Dieser wurde 2006 aus einer Anwoh­nerinitiative heraus gegründet und hat derzeit 90 Mitglieder.

Seit 2008 wohnt Familie Lücke an der Rummelsburger Bucht und steht beispielhaft für die Menschen, die hier ein neues Zuhause fanden: Die Familie hat zwei Kinder, Vater und Mutter sind voll berufstätig – und wie die meisten hier im Kiez haben sie einen Hochschulabschluss. Direkt am Rummelsburger See zu wohnen, ist nicht ganz billig. Die kleinen Townhouses oder die Wohnungen in den früheren Gefängnistrakten haben ihren Preis. Dafür braucht es in die Innenstadt nur ein paar Minuten. Ab Mitte der 1990er-Jahre wurde der Weg frei gemacht, das alte Gefängnisareal zu einem Wohnstandort zu entwickeln. Mehrere Tausend Menschen wohnen mittlerweile in Rummelsburg. In den kleinen Wohnstraßen spielen Kinder, während das Ufer den Joggern, Radfahrern und jungen Eltern mit Kinderwagen gehört. Die neuen, modernen Häuser wurden behutsam in den denkmalgeschützten Bestand aus backsteinroten Häusern integriert.

In Bildern: Spaziergang durch Rummelsburg

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Wer durch das Viertel läuft, wird auch mit der Erinnerung an die Vergangenheit konfrontiert. Am Seeufer wurden Stelen mit Texten und Fotos aufgestellt. Am alten Lazarett des Arbeitshauses können sich Besucher mit einem hochwertigen Faltplan eindecken und auf eigene Faust schnell erkunden, welches Haus einst wofür genutzt wurde. Es gibt eine derzeit vergriffene Broschüre, die aber kostenlos im Internet heruntergeladen werden kann. Und dann ist da noch die App für Handys und Tablet-PCs. Hier wurden die Inhalte interaktiv aufbereitet. Mit ihrer Hilfe können Interessierte auf eigene Faust die Gegend erkunden und sich Details zu den Häusern durchlesen. Geschichte für die Hosentasche sozusagen. „Wir finden es wichtig, dass jeder darüber Bescheid weiß, was hier einmal gewesen ist“, sagt Stefanie Lücke. Alle engagieren sich gegen das Vergessen. Und in der Tat: Nach dem Fall der Mauer schenkte man im Bezirk Lichtenberg der Aufarbeitung dieses geschichtsträchtigen Ortes zunächst wenig Beachtung.

Hinter all den Publikationen steckt der Freundeskreis um Stefanie Lücke. Broschüre, Faltblätter und App sind professionell gemacht. Die Mittel hierfür kamen unter anderem von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seit 2009 hat „Wir erinnern“ ein Netzwerk aus Historikern, interessierten Bewohnern und ehemaligen Häftlingen aufgebaut. Es gibt Führungen, Lesungen und Veranstaltungen – mit gutem Zulauf und positiver Resonanz. Zweimal im Monat treffen sich die Frauen von „Wir erinnern“, um über weitere Projekte zu sprechen. Die Akademikerinnen – unter ihnen ist auch eine Historikerin – haben die jüngere Vergangenheit bereits gut durchleuchtet. Jetzt wollen sie sich schrittweise in die Zeit bis 1877 wagen und insbesondere die Phase des Nationalsozialismus näher erforschen. Kontakte zu einem Experten gibt es bereits.

 

ORT MIT WECHSELVOLLER GESCHICHTE

Die Lage: Rummelsburg ist ein Ortsteil von Lichtenberg und befindet sich zwischen dem Kaskelkiez auf der einen und der Rummelsburger Bucht auf der anderen Seite. Das Viertel wurde lange Zeit stark industriell genutzt. Um die Jahrhundertwende befand es sich vor den Toren Berlins, heute liegt es mitten in der Stadt.

Die Kaiserzeit: Die Anlage zwischen Hauptstraße und Rummelsburger Bucht wurde 1877 als „Arbeitshaus der Stadt Berlin zu Rummelsburg“ errichtet. Sie entstand nach den Plänen des Stadtbaurates Hermann Blankenstein, der auch den Alten Schlachthof an der Landsberger Allee entwarf. Männer und Frauen sollten zur Arbeit und zu einem geordneten und gesetzmäßigen Leben erzogen werden. In das Arbeitshaus wurden Bettler, Prostituierte, Arbeitsscheue und Landstreicher eingewiesen.

Die Zeit der Nationalsozialisten: Ab 1933 wurde die Anlage von den Nationalsozialisten zu einem „Städtischen Arbeits- und Bewahrungshaus Berlin-Lichtenberg“ umfunktioniert. Untergebracht wurden die Insassen unter anderem auch nach ihren Neigungen – darunter Menschen mit homosexueller Orientierung. 1942 nahm eine Kommission ihre Arbeit auf, die in Rummelsburg Menschen auswählen sollte, welche euthanasiert werden sollten. Dieses Vorhaben wurde jedoch nie umgesetzt.

Die Zeit der DDR: Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Gelände in die Zuständigkeit der Volkspolizei. Die im Krieg teilweise beschädigten oder zerstörten Häuser wurden wieder instandgesetzt. Es erfolgte der Umbau zum Gefängnis. Unter anderem wurden in Rummelsburg Männer und Frauen inhaftiert, die im Zuge des Volksaufstandes 1953 und des Mauerbaus 1961 in Erscheinung traten. Auf dem Gelände befand sich neben einer Untersuchungshaftanstalt auch eine Strafvollzugsanstalt für Männer. Letzter prominenter Insasse war Erich Honecker. (Quelle: WIR e.V.)

Material zum Weiterlesen:

veröffentlicht am 3. Juni 2014, Autor: Marcel Gäding | Fotos: Marcel Gäding

Rummelsburg: einst Haftanstalt, heute Wohnviertel
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