Der Eisladen von Steffen Winkel im Kaskelkiez ist eine kleine Institution. Viele Zutaten organisiert der Chef selbst.
Der Eisladen von Steffen Winkel im Kaskelkiez ist eine kleine Institution. Viele Zutaten organisiert der Chef selbst.

Steffen Winkel ist Eiskonditor. Im Lichtenberger Kaskel-Kiez ist sein kleiner Laden nicht nur bei Kindern beliebt. Erwachsene nutzen das Geschäft für einen Plausch – oder um Brot zu kaufen, das es jetzt bei Winkel gibt.

Gut, dass heute nicht die Sonne scheint. Denn dann hätte Steffen Winkel keine Zeit für lange Gespräche. Sobald die Wolken überm Kaskelkiez aufbrechen und die ersten Strahlen auf das Viertel aus der Gründerzeit fallen, ist es voll im kleinen Laden des Eiskonditors. Das an sich ist noch nichts Ungewöhnliches. Immerhin trifft dieses Phänomen auf jede andere Eisdiele in dieser Stadt auch zu. Was Winkel jedoch von seiner Konkurrenz unterscheidet, ist sein Anspruch. Alle 20 Eissorten sind frei von Farb- und Konservierungsstoffen, viele Zutaten erntet der leidenschaftle Eismann selbst.

Morgens ab 7.30 Uhr streift sich Winkel sein weißes Mützchen auf und bindet sich die Schürze um. Gut sechs Stunden dauert es täglich, um das eigene Eis zu produzieren. Die Sorten reichen von klassisch (Erdbeere, Schokolade, Zitrone) bis hin zu ausgefallen (Möhre, Rhabarber oder Sanddorn). „Der Renner sind tatsächlich die Sorten Rhabarber und Sanddorn, das bei uns schlichtweg Hiddensee heißt“, sagt Winkel. Denn die Zutaten kommen von der autofreien Ostseeinsel, wo zwischen Wanderwegen und Strand viel Sanddorn wächst. Den erntet Winkel dann jedes Jahr im September persönlich. Für sein Mangoeis lässt er sich Früchte aus fairem Anbau in Equador kommen. Und die Pistazien stammen aus Sizillien. „Was hier in der Eistheke angeboten wird, ist zuvor durch meinen Gaumen gegangen“, sagt Winkel. Er nasche ohnehin gerne. Damit sich das nicht auf seinen Körper niederschlägt, macht er jeden Tag seinen Frühsport.

Steffen Winkels Laden ist ein Glück für den Kaskelkiez. „Das war mal zu Ostzeiten ein Pennerkiez“, sagt er. Gut hat er noch die Alkoholiker vor Augen, die morgens schon an der Kaufhalle saßen. Doch das Bild des Kiezes hat sich gewandelt. Die Kaufhalle heißt jetzt Supermarkt, und der Kaskelkiez ist wegen seiner Häuser aus der Gründerzeit und dem Innenhöfen mit unzähligen Remisen eine gefragte Wohngegend. Die Zahl der Kinder stieg genauso schnell wie die Mieten. Noch hält es viele Familien hier.

„Irgendwann sprach mich eine Bekannte an, ob ich nicht einen Eisladen aufmachen will“, erinnert sich Winkel. Dass sie ihn für den Richtigen hielt, liegt an Winkels Herkunft: Seine Eltern betrieben seit 1982 in Schmöckwitz eine Eisdiele, in der heute noch seine Mutter und seine Schwester arbeiten. Im elterlichen Betrieb erlernte Winkel den Beruf des Eiskonditors. Damals kostete die Kugel Eis 25 Pfennige (Ost).

Nach der Wende erlangte er noch einen Abschluss als Betriebswirt und ging zunächst in die Erlebnisgastronomie. Drei Jahre war er in Stuttgart zu Hause, wo er den gastronomischen Bereich der Dinner-Show „Pomp, Duck and Circumstance“ verantwortete. Winkler sagt, dabei habe er viel gelernt. Auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung stieß Winkel dann auf den kleinen Laden. Von dem Geschäft fand er heraus, dass das mal eine Molkerei gewesen sein muss. Später befand sich darin ein kleiner Zeitungsladen.

Im Sommer Eis, im Winter Pralinen

Vier Jahre ist es jetzt her, dass die SchokoLadenEis-Manufaktur von Steffen Winkel in der Kaskelstraße 15 eröffnete. Im Sommer gibt es Eis; im Winter setzt Winkel witterungsbedingt auf Pralinen. Auch die werden zum großen Teil selbst produziert. 58 Sorten führt Winkel. Kürzlich kamen auch frische Backwaren dazu – dienstags und freitags wird der Steinofen angeworfen. Winkel hat eigens eine junge Bäckerin gewinnen können. Die kümmert sich um den Sauerteig und kreiert die verschiedenen Brotsorten, „die noch Tage nach dem Backen gut und frisch schmecken“.

Es sind natürlich in erster Linie Kinder, die Steffen Winkel zu seinen Stammkunden zählt. An manchen Tagen empfängt er ganze Schulklassen, die an ihrem Wandertag einen Abstecher in die Eisdiele machen. „Die melden sich dann vorher telefonisch an“, sagt Winkel. Für seine kleinen Kunden öffnet er auch schon mal früher. Die älteren Kunden nutzen den Laden, um zu plauschen und sich über Neues im Kiez auszutauschen. An der Wand hängen sodann die Fotos kleiner und großer Menschen. Daneben Zettel für Spanisch-Sprachkurse, Flohmarkttermine oder Wohnungssuchen.

In der Woche hat Steffen Winkel von 7.30 bis 20 Uhr im Laden zu tun. Das ist zwar anstrengend, aber macht ihn glücklich, „denn ich komme mit Menschen in Kontakt“. Seine Kunden sind auch seine besten Berater. „Die erzählen mir, was sie sich gerne wünschen und ich versuche das dann umzusetzen.“ Viele Ideen für ausgefallene Eissorten kommen aber auch einfach aus dem Bauch heraus – wie beim Milchreis- oder dem Kinderschokoladeneis. „Dann wird solange probiert, bis es schmeckt“, sagt Steffen Winkel. 

veröffentlicht am 20. Mai 2014, Autor: Marcel Gäding (Foto: Marcel Gäding)

Der Renner: Eis mit Sanddorn von Hiddensee
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