BZJ_04_2014_FlussbadBis zum Zweiten Weltkrieg gab es in Rummelsburg ein Flussbad. Tausende Lichtenberger tummelten sich an guten Tagen am Strand der Spree. Reste von einst gibt es heute noch. Ein Vor-Ort-Besuch.

Mit ihren gerade einmal 150 Metern dürfte sie zu den kleinsten Straßen Lichtenbergs zählen. „Zur alten Flussbadeanstalt“ steht auf dem Schild. Die Bürgersteige sind frisch asphaltiert, alles sieht noch sehr neu aus. Nach wenigen Schritten mündet die von der Köpenicker Landstraße in Rummelsburg führende Straße in einen Kreisverkehr, von dem aus die Spree zu sehen ist. Ein altes Gebäude ist das Einzige, was hier noch vom Flussbad Lichtenberg übrig blieb. Bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges tummelten sich am feinen, weißen Strand der Spree täglich bis zu 17.000 Menschen. Vom Wintergarten eines erst in den 1930er-Jahren errichteten Ausflugslokals aus konnte man gut zu Zenner im Treptower Park schauen oder einen Blick auf die Kirchturmspitze der Halbinsel Stralau werfen. Aus Lautsprechern schallte Musik von den Comedian Harmonists, während auf der Terrasse Berliner Weiße mit Schuss getrunken wurde.

1927 ging dieses Flussbad Lichtenberg in Betrieb. Es ist dem Lichtenberger Stadtbaurat Rudolf Gleye zu verdanken, der auch den Bau des heute leerstehenden Stadtbades Lichtenberg verantwortete. Parallel zur Spree entstanden ein 100-Meter Becken, zwei 50-Meter-Becken sowie ein kleines Nichtschwimmer-Bassin. Vom flachen Strand der Spree ging es ins Wasser, das sich die Schwimmer mit Kohlekähnen und Ausflugsdampfern teilten. Auf der Liegewiese kamen die Kleinsten im Planschbecken auf ihre Kosten. Das Wasser im Flussbad war stets angenehm warm, denn vom benachbarten neuen Kraftwerk Klingenberg wurde das erhitzte Kühlwasser in die Spree geleitet.

Bis heute hat sich hieran nichts geändert. Dutzende karpfenartige Fische tummeln sich vor der Öffnung, die noch aus der alten Zeit stammt. An manchen Tagen sitzen hier Angler, die sich Zutritt zu dem sonst gut gesicherten Gelände verschaffen. Der neue Eigentümer lässt sie weilen. Angler machen keinen Krach. Sie sind friedliche Zeitgenossen. Anders ist das mit abenteuerlustigen jungen Menschen, die im Boot anlegen, ihre Grillkohle auspacken und auf der Brache Partys feiern. Mehr als einmal mussten sie schon das Feld räumen.

Vom Glanz des einstigen Flussbades existieren heute nur noch Bilder – dennoch gibt es auf dem Gelände reichlich Spuren. Noch immer sind die Wände alter Becken, die Handläufe und eine Plattform vorhanden, auf der sich einst der Sprungturm befand. An der Stelle des feinsandigen Strandes wurden nach dem Krieg Schutt und Trümmer zusammengeschoben, sodass vom Strand und dem Kinderplanschbecken nichts mehr zu sehen ist. Noch in den letzten Kriegsjahren sollen Berliner in dem Flussbad gebadet haben. Da war das Kassenhäuschen lange verwaist. Während die Deutschen sich an der Front erbitterte Gefechte lieferten, war zumindest hier die Welt für einige Stunden in Ordnung.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sollen die Russen das Areal an der Köpenicker Straße besetzt haben, sagt Jürgen Hofmann vom Förderverein Stadtbad Lichtenberg. Beiläufig stieß er bei seinen Recherchen zu dem Stadtbad an der Hubertusstraße auch auf das Flussbad sowie das Freibad Wernersee in Mahlsdorf. Alle gehörten damals zum Bezirk Lichtenberg. Letztere dienten im Sommer dem Schwimmen, während das Stadtbad in den Wintermonaten regen Zulauf genoss. Das Flussbad verfügte über einen Eingang, wie er heute noch im Strandbad am Orankesee zu finden ist. Heute steht an dieser Stelle in Rummelsburg ein schmuckloses, großes Tor. Das daneben liegende Gebäude stammt jedoch noch aus jener Zeit: Hier wurde geschwoft, hier wurde getanzt – von außen sind die raumhohen Fenster des Ausflugslokals im Umriss noch zu erahnen. Sie wurden zu DDR-Zeiten durch Milchglasfenstern ersetzt.

Bis kurz nach der Wende hatte der Zoll hier eine Außenstelle. Eine noch vorhandene Röntgenanlage im nebenan errichteten DDR-Bürogebäude lässt vermuten, dass Zoll und Stasi hier Pakete und Briefe aus dem Westen durchleuchtet und geöffnet haben. Genaues wissen Hofmann und seine Vereinsfreunde nicht. Ab und an lassen sich vorm Tor mal ältere, grauhaarige Männer blicken, die aber wenig kontaktfreudig sind. Vermutlich sind dies frühere Beschäftigte, die ihre Erinnerungen noch einmal auffrischen wollen.

Neue Eigentümerin des Geländes ist die Spreestudios GmbH. Sie will das 22.000 Quadratmeter große Areal gewerblich nutzen. Ateliers sind geplant sowie Flächen für Ausstellungen und Veranstaltungen. Darüber hinaus soll das Potenzial für die Restaurierung alter Schiffe genutzt werden. Im Gespräch ist auch eine Marina für historische Schiffe.

Derzeit ist nicht daran zu denken, dass auch das Flussbad wieder eröffnet. Das Wasser der Spree in Rummelsburg leidet heute noch unter den Altlasten der DDR-Industriebetriebe. Diese nutzten das Gewässer als Müllkippe. Hier zu baden, wäre derzeit lebensgefährlich.

veröffentlicht am 23. April 2014, Autor: Marcel Gäding

Lichtenberg: Flussbad mit Geschichte
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