Der BVG-Straßenbahnsimulator in Lichtenberg dient der Ausbildung von künftigen Tramfahrern - ab und an dürfen aber auch Besucher Platz nehmen.
Der BVG-Straßenbahnsimulator in Lichtenberg dient der Ausbildung von künftigen Tramfahrern – ab und an dürfen aber auch Besucher Platz nehmen.

Bevor künftige Straßenbahnfahrer in Berlin das erste Mal eine Tram lenken, müssen sie eine 42-tägige Ausbildung absolvieren. Einen Teil davon verbringen sie im Straßenbahnsimulator. Dieser steht auf dem BVG-Betriebshof in Lichtenberg. Das Bezirks-Journal hat sich vor Ort umgesehen.

Von außen erinnert das Konstrukt an ein Raumschiff auf Stelzen. Auf Hydraulikarmen steht die runde Schüssel, in die eine Metalltreppe führt. Und wäre jetzt die Tür nicht geöffnet, man könnte den Vergleich sogar mit einem Ufo anstellen. Doch an diesem Tag kann man gut in die Kabine blicken und muss nicht lange raten, was es mit der Anlage auf sich hat: Sie ist ein Straßenbahnsimulator. Von den Armaturen über den Sitz bis hin zu den Geräuschen soll alles möglichst echt wirken in der Fahrerkabine. Vor der Kulisse einer gebogenen Leinwand üben angehende Straßenbahnfahrer simulierte Situationen im Straßenverkehr. Außerdem muss jeder Fahrer mindestens einmal im Jahr eine Nachschulung im Simulator auf dem Betriebshof der Berliner Verkehrsbetriebe in Lichtenberg (BVG) absolvieren.

Der Straßenbahnsimulator der BVG ist deutschlandweit ein Unikum. Nur die Stuttgarter Verkehrsbetriebe leisten sich ebenfalls einen Simulator. Alle anderen Verkehrsbetriebe schulen ihr künftiges Personal auf Betriebshöfen und später im Fahrschulfahrzeug. Seit 1999 ist die Anlage auf dem Betriebshof an der Siegfriedstraße in Betrieb. Elf Fahrlehrer, darunter zwei Frauen, nutzen ihn bei ihrer tagtäglichen Arbeit. Und die ist reichlich vorhanden. Da ältere Straßenbahnfahrer in den Ruhestand gehen, ist die BVG immer wieder auf der Suche nach geeignetem Nachwuchs. Weil der Frauenanteil bei den Fahrern mit 18 Prozent so niedrig wie lange nicht mehr ist, soll sich das bis 2016 ändern. Aktuell wirbt das Berliner Nahverkehrsunternehmen um künftige Straßenbahnfahrerinnen – sogar an den Haltestellen in Form eines digitalen Laufbandes unterhalb der Abfahrtszeiten. Momentan sind auf den 361 Straßenbahnen Berlins rund 1.100 Fahrer unterwegs.

Bis 1999 bildete die BVG ihre Fahrer direkt auf den Fahrzeugen aus. Doch dieses Konzept hatte seine Grenzen. „Um die Ausbildung zu erleichtern und den Stress zu reduzieren, wurde der Simulator angeschafft“, sagt Thomas Klinder, der Sachgebietsleiter des Ausbildungs-Centers. „Wenn es im Simulator einmal knallt, passiert eben nichts“, sagt Klinder. Die auszubildenden Fahrerinnen und Fahrer würden dabei merken, wo ihre Grenzen sind. Immerhin sind auf diese Weise die „echten“ Unfälle um ein Drittel zurückgegangen. „Und das hat unter anderem auch mit dem Simulator zu tun“, sagt Klinder. Der Ausbildungs-Chef, der 1983 als Fahrlehrer bei den damaligen Ostberliner Verkehrsbetrieben anfing, weiß, wie wichtig eine fundierte Vorbereitung für die angehenden Straßenbahnfahrer ist. Denn der Verkehr hat in Berlin deutlich zugenommen, die Fahrer sind mehr denn je gefordert. Sind die ersten Übungen im Simulator absolviert, geht es auf die richtige Straßenbahn.

Wie im wahren Leben dürfen die angehenden Straßenbahnfahrer auch im Simulator durch Berlin fahren. Die Anwärter sitzen in einer modernen Kabine, während vor und neben ihnen computeranimierte Bilder eingeblendet werden. Die sich vor der Kabine befindende Leinwand ergibt einen Sichtbereich von 210 Grad und lässt vergessen, dass alles nur virtuell ist. Ganze Straßenzüge wie die Chausseestraße in Mitte wurden nachgebildet. Auf den Spuren neben der Straßenbahn fahren Autos, Kleinlaster oder Streifenwagen der Polizei. Die virtuelle Bahn hält an roten Ampeln. Angehende Fahrer können Fahrgäste aus- und einsteigen lassen. Ab und an kommt es auch zum Unfall, weil die Bahn auf ein Auto vor ihr fährt oder den Zusammenstoß mit einer auf dem selben Gleis fahrenden Straßenbahn nicht mehr verhindern kann. Im richtigen Leben wäre das fatal. Hier im Simulator drücken die Fahrlehrer von ihrem Mischpult aus einfach auf die Resettaste. Wie in einem Fernsehregieraum sitzen die Ausbilder vor einer ganzen Reihe von Monitoren und können dort alles steuern: den Schwierigkeitsgrad, die Dichte des Verkehrs oder plötzlich auf die Straße laufende Fußgänger. Sogar das Wetter oder die Jahreszeit können mit wenigen Mausklicken angepasst werden. Bei der Ausbildung geht es aber auch um Regeln der Straßenverkehrsordnung und technische Aspekte. Anweisungen werden über Lautsprecher erteilt.

Demnächst beginnen 36 Tramfahrerinnen und Tramfahrer ihre Ausbildung. Darunter sind Quereinsteiger aller Berufsgruppen. Thomas Klinder sagt, dass unter ihnen Bäcker, Verkäufer oder Maurer sind. Zwei Fahrerinnen tragen einen Doktortitel. Die wollen einfach mal auch etwas anderes machen als zu forschen. Auf die Hand bekommt ein Straßenbahnfahrer bis zu 1500 Euro netto im Monat – wenn er auch an Wochenenden oder nachts fährt. Wichtig ist der BVG, dass sie auch flexible Arbeitszeitmodelle anbietet. Denn das landeseigene Unternehmen geht mit gutem Beispiel voran und will, dass seine Angestellten Arbeit und Familie miteinander vereinbaren können.
Viel Zeit verbringen aber auch externe Gäste in der Anlage. Das sind entweder Besucher oder Menschen, die sich jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat privat eine oder mehrere Stunden „mieten“: Für 65 Euro dürfen sie unter Anleitung 60 Minuten Straßenbahnsimulator fahren. Auch Fahrer aus anderen Ländern werden auf dem BVG-Betriebshof in Lichtenberg geschult – darunter waren Griechen, die auf ihren neuen Job bei der Athener Straßenbahn vorbereitet wurden. Zu Gast waren zudem Polen aus Szczecin (Stettin). Sie wurden mit den Tatra-Straßenbahnen vertraut gemacht, von denen jetzt einige ausrangierte Berliner Fahrzeuge auch durch die Hafenstadt fahren.

STRASSENBAHNFAHRER SIND GEFRAGT

Straßenbahn in Berlin: Die Hauptstadt verfügt mit fast 300 Kilometern Länge über das größte Straßenbahnnetz Deutschlands. Dazu kommen 794 Haltestellen. 22 Linien sind vor allem im Ostteil Berlins unterwegs. Zum Einsatz kommen 149 Straßenbahnen vom Typ Tatra, die bereits zu DDR-Zeiten unterwegs waren, 150 Niederflurbahnen sowie 62 sogenannte FLEXITY-Bahnen aus dem Hause Bombardier. Letztere sind die Jüngsten im Fuhrpark. Die Berliner Verkehrsbetriebe unterhalten für die Straßenbahn vier Betriebshöfe, von denen zwei auch sogenannte Schwerpunktwerkstätten beheimaten. Dort werden die Fahrzeuge instandgehalten und gewartet.

Straßenbahnfahrer gesucht: Wer sich für einen Job als Straßenbahnfahrer bewerben möchte, der muss mindestens 21 Jahre alt sein und darüber hinaus bereits zwei Jahre den Führerschein der Klasse B und eine abgeschlossene Berufsausbildung besitzen. Die Ausbildung dauert 42 Tage, wovon unter anderem auch drei Tage Kundendienstschulungen absolviert werden müssen. Bewerber müssen sich einem Eignungstest stellen, bei dem unter anderem die Reaktionsgeschwindigkeit und die Kommunikationsfähigkeit der Anwärter begutachtet wird.

Informationen: Tel. 030 256-24414

veröffentlicht am 16. April 2014, Autor: Marcel Gäding

Tram-Simulator bereitet BVG-Mitarbeiter auf ihren Job vor
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