Berlins erstes Fahrradloft entsteht derzeit in Lichtenberg. Der Rohbau soll im Herbst stehen, die ersten Bewohner ziehen 2015 ein.
Berlins erstes Fahrradloft entsteht derzeit in Lichtenberg. Der Rohbau soll im Herbst stehen, die ersten Bewohner ziehen 2015 ein.

Berlins erstes Fahrradloft entsteht in Lichtenberg: An der Lückstraße beginnen die Arbeiten für 43 Wohneinheiten, eine Fahrradwerkstatt und einen Gemeinschaftsgarten.

Wer mit seinem Fahrrad abends nach Hause kommt, der kennt das Problem zu gut: Gerade die etwas teureren Modelle sind bei Dieben begehrt. Daher schließen viele Lichtenberger ihren Drahtesel lieber im Keller ein. „Ein für Berlin typisches Phänomen ist auch, dass Radfahrer ihr Fahrrad auf den Balkon stellen“, sagt Lars Göhring. Genau diese Zielgruppe hatte der Architekt und leidenschaftliche Radfahrer vor Augen, als er Ende 2010 mit seinem Partner Paul Wichert die Idee von einem Fahrradloft entwickelte. „Damals nahmen wir damit an einem Wettbewerb in Wien teil“, sagt Göhring. In der österreichischen Bundeshauptstadt wurde das Konzept jedoch nie umgesetzt. „Als mich das Heimweh wieder nach Berlin verschlug, war klar, dass ich hier in einem Fahrradloft wohnen möchte.“

An der Lückstraße nahe dem S-Bahnhof Nöldnerplatz soll das Fahrradloft gebaut werden. Die Baufläche ist bereits vorbereitet, der erste Spatenstich im Rahmen eines kleinen Festes erfolgt: 100 Menschen, junge wie alte, sollen im Sommer kommenden Jahres ihre Wohnungen beziehen. Der Neubau ist ganz auf die Bedürfnisse der Radfahrer ausgerichtet. So gibt es einen Aufzug, in den selbst ein Lastenfahrrad passt: Die Bewohner fahren vorwärts in den Lift und steigen auf ihrem Fahrradbalkon aus, ohne sich drehen und wenden zu müssen. Auf dem zur Lückstraße gelegenen Fahrradbalkon ist dann Platz für das gute Stück, aber auch für Kinderwagen und Rollstühle. „Ein positiver Nebeneffekt: Die Wohnungen sind barrierefrei“, sagt Lars Göhring. Im Haus wird es eine Fahrradwerkstatt geben. Der Innenhof bekommt einen 2.000 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten und einen Spielplatz für die Kinder. Hier sollen Feste gefeiert oder ruhige Sonntage verlebt werden. Nach vorn hin entsteht ein Kulturraum, der auch Kapazitäten für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs sowie anderer Organisationen bietet. Bewusst wolle man sich dem Kiez damit öffnen. 

Die neuen Bewohner des Fahrradlofts sind im Schnitt um die 40 Jahre alt. Unter ihnen sind ältere Pärchen, die aus dem Speckgürtel wieder zurück in die Stadt wollen. Viele nutzen das Rad auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder am Wochenende für Ausflüge. Zunächst hatten Lars Göhring und seine Mitstreiter nach einem Grundstück in Friedrichshain gesucht, aber nichts Bezahlbares gefunden. Quasi um die Ecke stießen sie dann auf das Areal am Nöldnerplatz. Zunächst sei man skeptisch gewesen, nach Lichtenberg zu gehen. „Doch das hat sich schnell gelegt“, sagt Göhring. Schnell wurde klar, dass man dort gut wohnen kann und „dass es mehr Freiheiten gibt“. Während in der Innenstadt jeder Quadratmeter Bauland genutzt wird, bietet das Bauprojekt in Lichtenberg Platz. „Schließlich wurden wir auch sehr freundlich vom Stadtplanungsamt betreut“, sagt Göhring. 

Das Fahrradloft entsteht zum Selbstkostenpreis. Natürlich bekäme er als planender Architekt ein Honorar für seine Arbeit, sagt Lars Göhring. Bei einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 2.200 Euro mache man aber keine Gewinne mit diesem Projekt. Das mag ein weiteres Argument dafür gewesen sein, dass alle 43 Eigentumswohnungen zügig einen Nutzer fanden. Hinzu kommt aber auch die Bauweise: Ökologische Materialien werden verbaut. Die Wohnungen im Energieeffizienzstandard KfW 70 sind zwischen 70 und 180 Quadratmeter groß und vom Grundriss her sehr flexibel. „Wir planen jede Wohnung individuell“, sagt Göhring. Dadurch entstehe zwischen den künftigen Bewohnern und dem Haus eine enge Bindung. Viele setzen auch auf eine intakte Nachbarschaft – und entscheiden sich gegen die Anonymität der Großstadt. Die Räume sind mit 2,80 Meter angenehm hoch, raumhohe Fenster lassen viel Licht in die Quartiere. Während die Balkone zur Straßenseite hin Platz für Fahrräder, Kinderwagen und Roller bieten, dienen die Terrassen nach hinten der Erholung. 

Versorgt werden die beiden Gebäude des Fahrradlofts aus einem Mix herkömmlicher Fernwärme und solarer Energie. Schon jetzt ist der Zusammenhalt der künftigen Bewohner groß – auch deshalb, weil man in einer Baugemeinschaft baut und Mitsprache beim Projekt ausdrücklich erwünscht ist.

Unter den Wohnungsbesitzern werden neben Menschen aus Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte auch alteingesessene Lichtenberger sein. Im Planungsstab sind zudem die künftigen Bewohner vertreten: Neben Göhring als planender Architekt beteiligen sich ein Bodengutachter und eine Landschaftsplanerin an der Umsetzung der Pläne. Auch sie werden Wohnungen im Fahrradloft bewohnen.

Die anfänglichen Berührungsängste mit Lichtenberg sind schnell einer bis heute anhaltenden Begeisterung gewichen. „Der Bezirk hat Potenzial“, schwärmt Göhring. Er lobt die Anbindung an die Fahrradwanderwege, von denen einer unter anderem bis nach Polen führt. Und auch der Anschluss an die Innenstadt sei ideal.

veröffentlicht am 16. April 2014, Autor: Marcel Gäding

Lichtenberg: Fahrradloft entsteht an der Lückstraße
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