Blumengroßmarkt Lichtenberg (2)Der Großmarkt an der Josef-Orlopp-Straße ist seit 20 Jahren bei Händlern vor allem im Osten begehrt. Von hier aus geht die frische Ware in die Berliner Blumenläden – und das zu nachtschlafender Zeit. Morgens um 5 Uhr in Lichtenberg. Der Bezirk schläft noch tief und fest. An diesem kühlen Märzmorgen hängen Nebelschwaden tief über der Straße. Nur vereinzelt sind schon Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit zu entdecken. Doch in der Josef-Orlopp-Straße 92 herrscht bereits reger Betrieb. Auf dem Blumengroßmarkt Lichtenberg, seit 20 Jahren an diesem Standort, sind um diese Uhrzeit schon alle auf den Beinen. Der Parkplatz ist prall gefüllt, Kunden pendeln vom Auto in die große Markthalle und zurück.

Wenn man durch den mit großen Plastikplanen verhangenen Eingangsbereich eintritt, steigt einem sofort der Geruch von Blumenerde und frischem Grün in die Nase. Ein Stimmengewirr kommt aus dem Mittelgang, an dem sich links und rechts die Verkaufsstände der Händler erstrecken. Ein kleiner vietnamesischer Imbiss liegt unscheinbar zwischen riesigen Kühlhallen, in denen die Schnittblumen frischgehalten werden. In regelmäßigen Abständen hört man ein klapperndes Geräusch, wenn die Kunden ihren Einkauf auf kleinen Transportwagen über den Betonboden zu ihren Autos manövrieren. In der insgesamt 5.000 Quadratmeter großen Halle, also auf der Fläche eines kleinen Fußballfeldes, werden montags bis samstags diverse Schnittblumen, Topf- und Grünpflanzen sowie florale Dekorationsartikel an die Frau und den Mann gebracht. Bis zu 250 Gewerbetreibende aus Berlin kaufen an den so genannten Warentagen im Blumengroßmarkt Lichtenberg für ihre Geschäfte ein. Jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag wird frische Ware geliefert, dann öffnet der Markt bereits um 2.30 Uhr.

„In Spitzenzeiten fahren hier acht Lkw vor und laden zahlreiche Paletten ab. In der Regel beliefern uns an den Haupttagen vier bis fünf Lkw mit Ware“, erklärt Steve Junker, der seit 18 Jahren hier arbeitet. Er ist der Geschäftsführer der Blumen und Pflanzen StJu GmbH und einer von insgesamt acht Händlern, die auf dem Großmarkt ihre Pflanzen zum Kauf anbieten. Derzeit sind die Frühlingsblüher wie Tulpen, Narzissen und Osterglocken stark nachgefragt. Auch für Balkonpflanzen ist jetzt die richtige Zeit und dementsprechend das Angebot groß. Neben der Saisonware, die selbstverständlich regelmäßig wechselt, findet man im Sortiment ganzjährig Grünpflanzen und gängige Schnittblumen wie Rosen, Nelken und Freesien.

Steve Junker bezieht seine Ware wie viele andere auch von einem Einkäufer aus Holland. Dort sitzen „seine Jungs“ in den Versteigerungen und bieten fleißig mit, um seinen Bestellzettel abzuarbeiten. Oder sie beziehen die Ware direkt vom Produzenten. Dabei kommen die Blumen keineswegs nur aus dem Nachbarland. Der Großteil der Pflanzen wird in Afrika und Südamerika produziert. Junker: „Rosen beispielsweise kommen heutzutage vielfach aus Afrika oder Kolumbien, Bindegrün aus Latein- und Mittelamerika. Das hat in erster Linie etwas mit den optimalen Klimabedingungen zu tun, natürlich aber auch mit den geringeren Lohnkosten.“ Natürlich beziehen die Händler ihre Waren aber auch aus Europa. So sind die ersten Sommerblumen aus Frankreich bereits bestellt, Tulpen kommen – wie soll es auch anders sein – aus den Niederlanden. Andere Frühlingsblüher sowie Kräuter finden ihren Weg aus Italien nach Lichtenberg.

Doch die Einkäufer sind nicht die einzige Bezugsquelle des Blumengroßmarktes. Vieles wird heute auch in Internetshops bestellt. Diesen Trend verfolgen mittlerweile auch einige der Kunden. Allerdings legt der Großteil nach wie vor darauf Wert, die Ware anzufassen, zu riechen und sich vor Ort einen Eindruck von der Qualität der Pflanzen zu machen. Ein weiterer Vorteil des persönlichen Einkaufs ist auch der Blick über den Tellerrand. Häufig entdeckt der Kunde dabei nämlich immer mal wieder eine interessante Gattung, die er ursprünglich nicht auf dem Zettel hatte.

Die Vielfalt ist im Blumengeschäft der entscheidendste Faktor. Denn Fachmann Steve Junker weiß, dass man mit den Jahren betriebsblind werden kann. „Man muss aufpassen, dass man nicht irgendwann immer die selben Pflanzen anbietet. Jeder sollte bestrebt sein, eine gewisse Kreativität in sein Sortiment einfließen zu lassen.“ Natürlich gibt es auch bestimmte Blumen, die immer wieder nachgefragt werden. So erzählt Junker, dass es im Januar einen Run auf rote Nelken gibt. Grund: der Todestag von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Eine durchaus nicht ungewöhnliche Tatsache, bedenkt man den Standort des Blumenmarktes im Osten der Stadt.

Ohnehin beschränkt sich die breite Kundschaft auf die angrenzenden Bezirke. „Wir sind von den vier Blumengroßmärkten definitiv der Ostmarkt. Der Großteil unserer Stammkunden kommt aus einem Umkreis von etwa 25 bis 30 Kilometern. Es ist natürlich auch naheliegend, dass jemand, der sein Geschäft in der Nähe der Beusselstraße hat, eher dort seine Pflanzen einkauft als hierher zu fahren“, erklärt Steve Junker. Neben dem Blumengroßmarkt Lichtenberg gibt es noch drei Standorte, an denen Gewerbetreibende in Berlin ihre Ware beziehen: Beusselstraße, Langerwisch und Buchholz.

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veröffentlicht am 14. März 2014; Autorin: Jeannine Kostow

Berlins Blumen kommen aus Lichtenberg