Mieter von Howoge-Hochhäusern blicken auf Ruinen. In den Plattenbauten kamen innerhalb eines Jahres vier Menschen ums Leben. Die Polizei ist besorgt.
Mieter von Howoge-Hochhäusern blicken auf Ruinen. In den Plattenbauten kamen innerhalb eines Jahres vier Menschen ums Leben. Die Polizei ist besorgt.

An der Gehrenseestraße starben innerhalb eines Jahres vier Menschen: Die früheren Gastarbeiterunterkünfte wurden ihnen zum Verhängnis. Doch der Eigentümer denkt nicht daran, zu handeln. Während in der Nachbarschaft neue Viertel entstehen, werden die Ruinen zur tödlichen Falle.

Sie sind nicht nur ein optischer Schandfleck, sondern entwickeln sich immer mehr zum ernsthaften Problem für die Berliner Polizei und die Sicherheit von Menschen: Innerhalb eines Jahres sind in den leerstehenden Gastarbeiterunterkünften an der Wollenberger Straße vier Menschen ums Leben gekommen.

Der Eigentümer sieht sich für die Sicherung des Geländes nicht zuständig, so dass der Bezirk einschreiten musste. Doch trotz der Bauzäune gelingt es immer wieder vor allem Obdachlosen, sich auf das Gelände zu schleichen – auf der Suche nach einem halbwegs trockenen Schlafplatz. Die ersten beiden Toten wurden im März 2013 gefunden, nur ein halbes Jahr später gab es einen neuen Todesfall. Erst vor wenigen Tagen verstarb schließlich ein weiterer Mensch in den Ruinen an der Wollenberger Straße.

Wie Thomas Neuendorf, Stellvertretender Pressesprecher der Polizei Berlin, bestätigt, handelt es sich bei der Todesursache der beiden im vergangenen Frühjahr verstorbenen Männer um Tod durch eine sogenannte Kohlenmonoxidintoxikation. Zu den jüngeren Todesfällen erklärt er auf Nachfrage des Bezirks-Journals: „Am 20.11.2013 wurde auf dem bezeichneten Gelände außerhalb der Gebäude ein 53-jähriger Este aufgefunden. Vorläufiges Obduktionsergebnis: Tod durch Erfrieren. Am 31. Januar dieses Jahres wurde in einem dort leerstehenden Gebäude eine 52-jährige Polin tot aufgefunden. In den Räumlichkeiten, in denen sie lag, stand dem Sprecher zufolge ein augenscheinlich benutzter Gartengrill. Auch hier ergab das vorläufige Obduktionsergebnis einen Tod durch Rauchgasvergiftung. Weiterhin teilt die Polizei mit, der zuständige Polizeiabschnitt 61 beziehe die Örtlichkeit in seine Streifentätigkeiten „in unregelmäßigen Abständen mit ein und agiert anlassbezogen“. 

Wie im Märchen Dornröschen haben sich um die Wohngebäude zwischen der Gehrenseestraße und der Wollenberger Straße dichte Teppiche aus Sträuchern gelegt: In wenigen Wochen fangen die hölzernen Triebe an zu blühen und verdecken einen großen Teil eines Schandflecks – zumindest für sechs, sieben Monate: Neun heruntergekommene Plattenbauten, in denen zu DDR-Zeiten Hunderte Gastarbeiter lebten und die nun verkommen. Längst sollte das Gelände zum Wohnviertel mit modernen Wohnungen umgestaltet sein. Das zumindest versprach ein Investor. Doch bislang blieb es bei halbherzigen Ankündigungen, heißer Luft und fragwürdigen Lippenbekenntnissen. In den Gemäuern starben mittlerweile vier Menschen.

Gelände in Hohenschönhausen verkommt zum Müllplatz

Die Scheiben der einstigen Gastarbeiterunterkünfte sind zerschlagen. Auf dem Areal liegt illegal abgeladener Müll, darunter Autoreifen. Ein großer, doppelter Zaun soll verhindern, dass sich Personen Zutritt zum Gelände verschaffen. Alle zwei, drei Meter sind Hinweisschilder zu sehen. „Betreten des Grundstücks verboten“, steht darauf geschrieben. Doch so richtig interessieren hoher Zaun und Verbote niemanden, der auf das Gelände will. Frische Schuhabdrücke belegen, dass hier im Schutze der Dunkelheit Unbekannte ein- und ausgehen. Der vom Bezirk notdürftig gezogene Zaun ist an vielen Stellen leicht zu überwinden. Vor vielen Jahren nutzten illegale Zigarettenhändler die Ruinen, um ihre Geschäfte zu machen. Später zog es abenteuerlustige Jugendliche an. Und zuletzt sahen wohnungslose Menschen die Plattenbauten als Zuflucht. Vergangenes Jahr wurden im März in den Häusern zwei Männer tot aufgefunden. Sie starben vermutlich an einer Kohlenmonoxidvergiftung, weil sie versucht hatten, einen der Räume mit offenem Feuer zu beheizen. Im November fand die Polizei schließlich einen weiteren Toten. Und im Januar entdeckten Beamte nach Angaben des Bezirksamtes wiederum eine tote Person. Auf Nachfrage bestätigt Polizeisprecher Thomas Neuendorf, dass sich „Personen, die dem Obdachlosenmilieu zuzurechnen sind, unbefugt auf dem Grundstück aufhalten und versuchen, in die Gebäude zu gelangen“. Ganz ungefährlich ist das Betreten nicht, sagt die Polizei. „Auf den Freiflächen des Grundstücks befinden sich Versorgungsschächte, die mitunter nicht ordnungsgemäß abgedeckt sind“, sagt Neuendorf. „Daher besteht die Gefahr, dass sich Personen, die sich unberechtigt Zutritt zu dem Gelände und zu den Gebäuden verschaffen, verletzen können.“

Eigentümer des Areals ist ein Unternehmen namens Lakis aus dem nordrhein-westfälischen Neuss. Der Geschäftsführer Agissilaos K. ist im Bezirksamt kein Unbekannter, denn ihm gehört mit einem früheren Wohnheim an der Volkradstraße 47 mindestens ein weiteres Areal in Lichtenberg, das er verkommen lässt. Auf der unternehmenseigenen Internetseite wirbt die Firma für ihre Leistungen und rühmt sich der Sanierung sowie Modernisierung von Wohnimmobilien. Wer im Internet den Namen des Lakis-Chefs eingibt, stößt auf die Vita eines aus Griechenland stammenden Fußballspielers, der Präsident eines Fußballclubs in Uerdingen sein soll und der für Schlagzeilen im Zusammenhang mit anderen Immobilien sorgt. Seine Nähe zum Fußball nutzt er offenbar auch für seine Immobilienprojekte. So schmückt sich K. mit der Sanierung einer Immobilie des einstigen Fußballbundestrainers Rudi Völler.

Derzeit bietet die Lakis-Group das fast 42.000 Quadratmeter große Gelände im Internet zum Kauf an. Der „Wohnpark Gehrensee“ wird mit 531 Wohneinheiten beworben. Dazu hat das Unternehmen eine nette Illustration gestellt. Nachfragen des Bezirks-Journals bei Agissilaos K. blieben ohne Erfolg. Weder telefonisch noch per E-Mail erfolgte eine Reaktion. Das verwundert kaum.Auch der Bezirk beißt sich an dem Fußball spielenden Immobilienunternehmer aus Neuss die Zähne aus. So versuchte die Bauaufsicht vier Jahre lang, die Eigentümerin zur Sicherung des Areals zu bewegen. Weil die Lakis-Group dies aus der Sicht des Bezirks nur unzureichend übernahm, sprang der Bezirk ein – und sicherte das Areal. Dennoch gelangen immer wieder Menschen aufs Gelände.

„Dieser Standort und der zugehörige Eigentümer bereiten uns seit langem großen Kummer“, sagt Lichtenbergs Baustadtrat Wilfried Nünthel (CDU). Der Zustand sei unhaltbar, befindet der Politiker. Leider seien bislang alle Gespräche zur Entwicklung dieses Standortes ohne erkennbare Ergebnisse geblieben. „Auch die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens mit dem Ziel, großflächig Wohnraum entwickeln zu können, hat außer verbalen Interessenbekundungsverfahren seitens Eigentümerseite wenig bewirkt“, erklärt Nünthel.

Vier Tote, bei Betreten Lebensgefahr: Der Bezirk hat mit den neun Wohnruinen ein ernsthaftes Problem. Und auch die Nachbarschaft dürfte wenig erfreut sein über die unsäglichen Zustände an der Wollenberger Straße. Nebenan entstehen an der Gehrenseestraße gerade neue Wohnungen und Reihenhäuser für Familien. Die werden um die Bauruinen auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen großen Bogen machen.

veröffentlicht am 12. Februar 2014, Autoren: Marcel Gäding/ Jeannine Kostow

Vier Tote in einem Jahr: Plattenbau-Ruinen werden zur Todesfalle
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