Ein Poller sollte in Karlshorst den Verkehr beruhigen. Doch mehrfach kollidierten Autofahrer mit dem Konstrukt. Jetzt ist die Ehrenfelsstraße eine Raserpiste - am Steuer: Familienväter.
Ein Poller sollte in Karlshorst den Verkehr beruhigen. Doch mehrfach kollidierten Autofahrer mit dem Konstrukt. Jetzt ist die Ehrenfelsstraße eine Raserpiste – am Steuer: Familienväter.

Ein Poller sollte in Karlshorst den Verkehr beruhigen – rücksichtslose Autofahrer setzten ihn jedoch schachmatt. Die Kosten belaufen sich auf mehr als 60.000 Euro. Viel schlimmer aber: Die Verursacher wohnen selbst in Karlshorst und treten an anderer Stelle als Moralapostel auf.

Lichtenbergs Bürgermeister Andreas Geisel (SPD) lebt gerne in Karlshorst. Er liebt den Ortsteil, in dem seine Töchter aufwachsen sind und den mit ihm auch viele andere Tausend Bewohner schätzen. Doch die Idylle aus Vorstadtvillen und kleinen Seitenstraßen trügt. Der Versuch, die Ehrenfelsstraße am Theater Karlshorst für den Fahrzeugverkehr zu sperren, misslang. Ein für rund 23.000 Euro installierter Poller wurde mehrfach mutwillig zerstört und zuletzt ganz Schachmatt gesetzt.

Der böse Verdacht: Sonst so um das Wohl ihrer Kinder besorgte Familienväter haben das Konstrukt auf dem Gewissen und nutzen die Ehrenfelsstraße als Rennpiste. Und tatsächlich: Bei einem Vor-Ort-Termin des Bezirks-Journals rast gerade ein telefonierender Familienvater mit seinem Mercedes SLK und gut 60 Stundenkilometern Richtung Treskowallee, wo er wegen des Verkehrs scharf bremsen muss. Weil der Poller derzeit im Boden versenkt ist, hatte der Autofahrer leichtes Spiel. Und er ist kein Einzelfall. Mehrmals am Tag nutzen Autofahrer die Ehrenfelsstraße ohne Rücksicht auf Mütter mit Kinderwagen oder Rentner mit Gehhilfen. Zunächst hatte der Bezirk ein einfaches Ziel. Der vollautomatische Poller sollte sich nur senken, wenn einer der BVG-Linienbusse durch die Ehrenfelsstraße fuhr. Doch immer wieder krachten Autofahrer aus dem Wohngebiet gegen den Poller. Und das ging so: Wenn ein Bus über den gesenkten Poller fuhr, schlossen sich Autofahrer einfach an – vermutlich ahnten sie nicht, dass der Poller direkt hinter dem Bus wieder hochfuhr. Erst vor Kurzem wurde er nach einer Kollision wieder instand gesetzt. „Keine 15 Minuten später fuhr ein Auto dagegen“, sagt Geisel. Er habe eingesehen, dass es keinen Sinn macht, den Poller permanent zu reparieren, auch wegen der Kosten. Bislang summieren sich die Aufwendungen für den Poller inklusive Einbau und Reparaturen innerhalb von zwei Jahren auf 61.000 Euro. Von den Verursachern wurden jedoch bislang nur 13.099,15 Euro eingetrieben.

Bezirksamt reagiert genervt

Der Bezirk hat die Nase gestrichen voll und reagiert genervt. Er lässt bis zum April sogenannte Straßenkissen einbauen – das sind Buckel, die von den BVG-Bussen ohne Weiteres passiert werden können. Ihre Achsen sind breit genug, um ohne Probleme darüber zu fahren. Die rasenden Karlshorster Familienväter hingegen dürften wenig Freude haben, denn bei den mehrfach gemessenen hohen Geschwindigkeiten werden sie künftig beim Überfahren kräftig durchgeschüttelt. Baustadtrat Wilfried Nünthel spricht davon, einen neuen konzeptionellen Ansatz zu entwickeln. „Bis dahin wird der Ort vorrangig durch das Fehlverhalten einzelner Kfz-Benutzer gekennzeichnet sein“, sagt der CDU-Politiker. 

veröffentlicht am 12. Februar 2014, Autor: Marcel Gäding

Karlshorst: Rasende Familienväter
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