Doris und Rolf Meyerhöfer hatten 1985 das große Glück: Sie bekamen eine der neuen Wohnungen im gerade entstehenden Stadtbezirk. Bis heute sind die Beiden geblieben. Sie lieben ihren Kiez.
Doris und Rolf Meyerhöfer hatten 1985 das große Glück: Sie bekamen eine der neuen Wohnungen im gerade entstehenden Stadtbezirk. Bis heute sind die Beiden geblieben. Sie lieben ihren Kiez.

Vor 30 Jahren nahm Hohenschönhausen Gestalt an. Auf ehemaligen Rieselfeldern entstand eine Großsiedlung, in der heute 80.000 Menschen leben. Familie Meyerhöfer wohnt von Anfang an dort. Sie wollen aus dem lieb gewonnenen Kiez nicht mehr wegziehen. Das Bezirks-Journal hat sie besucht.

Dr. Rolf Meyerhöfer sitzt in seinem Arbeitszimmer in der Rüdickenstraße 18 in Neu-Hohenschönhausen an einer Übersetzung aus dem Altdeutschen. Es handelt sich um einen Schriftwechsel zwischen dem Hohenschönhausener Gutshausbesitzer Friedrich Scharnweber und dem preußischen Reformer Carl von Hardenberg. Der ehemalige Lehrer beschäftigt sich mit der Geschichte seines Wohnortes, seit er am 1. September 1985 hierhergekommen ist. Am selben Tag wurde Hohenschönhausen als zehnter Bezirk von Ostberlin gegründet.
Davor gehörte es zu Weißensee, das jedoch angesichts steigender Einwohnerzahlen drohte, aus allen Nähten zu platzen. Denn damals verzeichnete man ähnlich wie aktuell wieder einen großen Zuzug von außerhalb sowie hohe Geburtenzahlen. Es mussten also noch mehr Wohnungen her, denn gebaut wurde ja bereits seit 1977 in Hohenschönhausen – angefangen an der Landsberger Allee, die damals noch Leninallee hieß, und dann immer weiter Richtung Norden. Das Dorf wurde abgerissen und Neubauten ersetzten die alten Gebäude. Dort wurden schon ab Mitte der 1970er auf Anweisung keine Reparaturen mehr vorgenommen; wusste man doch, dass große Bauprojekte geplant waren.

Grundlage für den Bauboom in der DDR war das Wohnungsbauprogramm von 1971, das vorsah, die Wohnungsfrage als soziales Problem endgültig zu lösen. Und so wurde dann auch am 9. Februar 1984 in der Barther Straße 3 nicht nur der Grundstein für ein neues Wohngebiet, sondern gleichzeitig für einen neuen Bezirk gelegt. Der Stadtbezirk Hohenschönhausen entstand auf ehemaligen Rieselfeldern und in beachtlicher Geschwindigkeit. Täglich konnten 20 Wohnungen fertig übergeben werden, in einer Zehn-Stunden-Schicht wurden 35 Platten gesetzt. Ein ganz fleißiger Jugendschicht-Leiter, Klaus-Dieter Krohn, schaffte mit seiner Brigade sogar einmal 67 Platten in einer Schicht. Er wurde daraufhin mit dem Titel „Held der Arbeit“ ausgezeichnet. Nach so viel Planübererfüllung konnten die ersten Mieter pünktlich einziehen.

Auch Meyerhöfers, die mit zwei Kindern aus Strasburg in Mecklenburg-Vorpommern aus beruflichen Gründen nach Berlin zogen, waren glücklich über ihre Wohnung im neuen Hohenschönhausen und sind bis heute geblieben. So leicht kamen sie aber nicht an die Wohnung. So fuhr die Familie im August 1985 mit dem Trabant nach Berlin. Rolf Meyerhöfer hatte eine Stelle an der Akademie der pädagogischen Wissenschaft bekommen, bewohnte allerdings erst einmal ein Zimmer in Prenzlauer Berg in der Wohnung einer alten Dame. Auf Dauer war das natürlich keine Lösung für eine vierköpfige Familie. So beschloss man, sich ins Rote Rathaus zu begeben, um nach einer Wohnung und einer Arbeit für die Frau zu fragen. Bei der Antwort fiel vor allem Dr. Doris Meyerhöfer ein Stein vom Herzen. Die Familie könnte sofort eine Wohnung bekommen, wenn sie ab dem 1. September 1985 für das Bezirkskabinett für Unterricht und Weiterbildung arbeitet, mit der Hauptverantwortung für die Physikfachberater in ganz Ostberlin.

So kam es also, dass sich die Vier am 28. August 1985 in einer kleinen Baracke, die damals so etwas wie das Zentrum von Neu-Hohenschönhausen darstellte, die Schlüssel zur neuen Wohnung abholen konnten. Zuerst standen im Wohnzimmer aber lediglich ein Fernseher und eine Luftmatratze – mehr passte in Meyerhöfers Trabant nicht hinein. Die Einrichtung kam am 5. September 1985 beim Umzug. Die Tage davor hatte es furchtbar geregnet, die Gehwege waren schön durchgeweicht und matschig. Und so trug die Umzugsfirma – die im Übrigen mit den Worten „Wir ziehen nie wieder mit Lehrern um, die haben zu viele Bücher“ beinahe den Dienst quittierte – den Matsch schön in die 6. Etage. Wobei an dieser Stelle mit einer Vorstellung aufgeräumt werden kann: Beim Bau von Neu-Hohenschönhausen hat man viele Dinge abgestellt, die man beispielsweise in Marzahn noch falsch gemacht hat. So wurden die Straßen angelegt, bevor die Häuser gebaut wurden. Lediglich die Gehwege waren noch nicht fertig gestellt. Ein Waten in Gummistiefeln über Holzbretter auf matschigen Straßen wie sich das viele vorstellen, gab es hier nicht.

Dafür blühte das Wohnviertel schnell auf. Die wesentlichen kommunalen Einrichtungen waren schon da. Es gab ausreichend Schulen und Kaufhallen sowie zentrale Versorgungseinrichtungen. Noch 1985 wurde das Handelshaus eröffnet, an dessen Stelle heute das Linden-Center steht. Am 14. April 1986 eröffnete mit dem Mühlengrund ein modernes Dienstleistungszentrum, das 1997/98 neugestaltet wurde.

Es hat sich also eine Menge verändert, wie auch Rolf Meyerhöfer feststellt: „Die Bäume sind größer geworden. Und man muss sagen, dass es ein paar Dinge gibt, die das Leben hier durchaus lebenswert gestalten. Wir haben hier schöne Wohnungen und eine gute Verkehrsanbindung mit Bus, Straßenbahn, S-Bahn und sogar Regionalverkehr.“ Außerdem sei Hohenschönhausen sehr grün und kinderfreundlich. „Es gibt viele Spielplätze und schöne Parkanlagen, in denen man spazieren kann. Auch die vielen Radwege in die nähere Umgebung wie in den Barnim sprechen für die Attraktivität des Bezirks.“ Die letzte Platte wurde übrigens am 5. Oktober 1989 in der Wartiner Straße, Ecke Passower Straße gelegt. Im selben Jahr fehlten immer noch 135 geplante kommunale Einrichtungen.

Gefeiert wird die Bezirksgründung bis 2015. Dann ist eine große Veranstaltung geplant. Die Hohenschönhausener sind auf der Internetseite www.hohenschoenhausen-kiezinfo.de dazu aufgerufen, Ideen zum Logo und zu den Feierlichkeiten einzureichen.

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