Das Stadtbad Lichtenberg verfällt seit 1988. Die  Substanz bröckelt, die Fassade ist kurz vorm Einsturz. Ein Verein versucht zu retten, was zu retten ist.

Blick in eine der beiden Hallen des Stadtbades Lichtenberg, Foto: Marcel Gäding
Blick in eine der beiden Hallen des Stadtbades Lichtenberg, Foto: Marcel Gäding

Es ist stockfinster. Durch die verstaubten Fenster des Lichthofes dringt etwas graues Winterlicht in den einstigen Empfangsbereich des Stadtbads Lichtenberg. Jürgen Hofmann hat eine Taschenlampe dabei, denn in dem 1928 eröffneten Haus gibt es viele dunkle Ecken. Das Auge gewöhnt sich nur schwer an die Lichtverhältnisse. Es riecht modrig, die Luft ist feucht. Überall ist es kalt und ungemütlich in dem Gebäude an der Hubertusstraße gegenüber vom Sana-Klinikum Lichtenberg. Nur die blauen „Villeroy und Boch“-Fliesen an der Wand lassen erahnen, welche Schönheit dieses Haus einmal besessen haben muss. Jetzt steht es seit 1991 leer. Und wenn nicht bald ein Wunder passiert, dann ist das Ensemble reif für die Abrissbirne.

Jürgen Hofmann wohnt gleich um die Ecke. Es verbindet den Lichtenberger viel mit diesem Haus, das mehr als 3.500 Quadratmeter Nutzfläche hat. Hofmann ist Chef des Fördervereins. Er engagiert sich dafür, dass das Stadtbad wieder öffnen kann – und das macht er seit vielen Jahren. Hofmann ging schon als Junge im Stadtbad schwimmen. Keine fünf Minuten dauert es, bis Hofmanns Geschichten wie aus dem Wasserhahn sprudeln. Jetzt jagt eine Anekdote die nächste. Da ist die Geschichte vom Schwimmmeister, der in der großen Halle auf dem Balkon stand und nie sprach. „Der pfiff immer nur und machte Handbewegungen“, erinnert sich Hofmann. Jeder wusste, wer und was gemeint ist. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich das Kinderlachen von einst vorzustellen, den pfeifenden Bademeister und das Plätschern des Wassers. Am liebsten würde Hofmann einfach die Augen zu machen und sich wünschen, dass es so ist wie früher.
Früher, das war bis 1988. Wie durch ein Wunder wurde das Stadtbad Lichtenberg durch den Zweiten Weltkrieg kaum beschädigt. Die wenigen Treffer konnten dem Gebäude wenig anhaben. 1928 war es als ein modernes Bad eröffnet worden, damals noch nach strenger Sitte. Linke Halle die Frauen, rechte Halle die Männer. Über mehrere Etagen verteilt zogen sich Wannenbäder der medizinischen Abteilung hin, es gab eine große Saunalandschaft und ein römisches Bad. Auf dem Dach legten sich die Gäste auf Sonnenstühle und genossen ihr Lichtbad. Von allem aus der damaligen Zeit existiert noch etwas: Die alten Wannen liegen losgelöst von ihren Sockeln in den kleinen Kabinen. Und selbst in der Dampfsauna, die zu DDR-Zeiten mehrfach umgebaut wurde, riecht es noch ein bisschen nach dem letzten Aufguss. Das römische Bad ist fast komplett erhalten.

Bis zu 400.000 Menschen zog es im Jahr ins Stadtbad Lichtenberg. 15 Minuten Duschen für 10 Pfennig, 20 Minuten Baden in der Wanne für 20 Pfennig. Und wer eine Dreiviertelstunde schwimmen wollte, musste 30 Pfennig bezahlen. Die DDR hat erstaunlich wenig Spuren hinterlassen. Hier und da ein Hinweisschild, auf dem Boden zerfetzte Zeitungsexemplare und im Technikraum drei leere Schnaps-Flaschen: Goldbrand, Ratsherren-Korn und Nordhäuser Doppelkorn. Die in sozialistischen Tagen aufgebrachte Ölfarbe hat ihre Schuldigkeit getan. Jetzt blättert sie und offenbart den einstigen Glanz des Stadtbades. Es ist bunter Beton, der zum Vorschein kommt. Drinnen, in den Schwimmbereichen, ist fast alles noch so wie früher.

Sechs Investoren hat Jürgen Hofmann hier schon gesehen. Die letzten kamen zunächst als Jogger vorbei, um dann – bei einem offiziellen Termin – ihre Pläne zu präsentieren. Das ist noch gar nicht so lange her, erinnert sich Hofmann. Was gab es nicht alles für Pläne. Am Ende wollten alle nur Luftschlösser bauen. Das Bad wieder für das Volk zu öffnen, vermochte niemand. Hofmann verzieht keine Miene, wenn er das erzählt – dabei ist er sehr verärgert, und das nimmt er auch persönlich. Denn das Stadtbad ist inzwischen sein Leben. Auf seiner privaten Internetseite dreht sich alles um das historische Ensemble, das im Hinterland der von Plattenbauten geprägten Frankfurter Allee die Zeiten irgendwie ganz gut überstanden hat. Bis jetzt.

Eine alte Uhr über dem Büro vom Schwimmmeister zeigt fünf vor zwölf. Witzbolde haben an den Zeigern gedreht. Eigentlich, sagt Jürgen Hofmann, ist es fünf nach zwölf. Gerade hat er in einem der Lichthöfe Keramiksteine entdeckt, die sich von der Fassade lösen. Mit einer Digitalkamera hält er alles fest. Er wird die Bilder zum Liegenschaftsfonds senden, der im Auftrag des Landes Berlin diese kommunale Immobilie verwaltet. Immerhin gab es in den vergangenen Jahren ab und zu mal Geld, um das Schlimmste zu verhindern. Hofmann weiß jedoch: Findet sich nicht bald ein solider Käufer mit einer Vision, ist das Gebäude nicht mehr zu retten.

Und so harren Hofmann und seine Vereinsmitstreiter der Dinge. Es gibt Arbeitseinsätze, um das Haus vor dem weiteren Verfall zu retten. Schon 1991 wäre hier dringend eine Sanierung nötig gewesen. Damals sorgte ein Wasserrohrbruch dafür, dass die Wände sich mit Wasser vollsogen. Die Verantwortlichen im Land Berlin schlossen das Stadtbad Lichtenberg daraufhin. Die Hoffnung, dass es hier mal wieder ein Gewusel gibt, wurde von Jahr zu Jahr kleiner. Hofmann aber wurde immer mehr zum Badexperten. Wenn er wollte, könnte er Bücher schreiben.

So richtig hat Jürgen Hofmann noch nicht aufgegeben. Die Zeit rennt. Und notfalls muss man eben selbst handeln. Im März soll das Stadtbad Lichtenberg (mal wieder) zum Verkauf ausgeschrieben werden. Der Förderverein plant, notfalls selbst ein Konzept für das Haus zu erarbeiten. Die Zukunft vom Stadtbad hängt am seidenen Faden.

Einziges kubistisch-expressionistisches Bad

Das Stadtbad vor dem Krieg: Das Stadtbad Lichtenberg wurde am 2. Februar 1928 als Volksbadeanstalt Lichtenberg nach neunjähriger Bauzeit eröffnet. Federführend waren die Architekten Dr. Otto Weis (Magistratsbaurat) und Dr. Rudolf Gleye (Stadtbaurat von Lichtenberg). Es gab zudem mit dem Stadtbaurat Ludwig Hoffmann eine enge Verbindung. Ergebis ist das einzige kubistisch-expressionistische Schwimmbad Deutschlands.

Das Stadtbad nach dem Krieg: Fast unbeschadet hat das Bad mit seinen zwei Schwimmhallen, der Dampfsauna und den medizinischen Bädern den Zweiten Weltkrieg überstanden. Es wurde nach 1945 als Stadtbad genutzt. Bis weit in die 1970er-Jahre hinein kamen auch die Berliner zum Wannenbad an die Hubertusstraße. Eine eigene Badewanne galt damals noch als Luxus.

Das Stadtbad nach der Wende: 1991 beendete ein Wasserrohrbruch den Badebetrieb, der sich zuletzt auf die „kleine Halle“ konzentrierte. Im Zuge der später gescheiterten Olympiabewerbung Berlins war zunächst eine Revitalisierung angedacht. 2011 gründete sich der Förderverein. 2012 nahm zudem eine neu gegründete Initiative zur Wiederöffnung des Stadtbads Lichtenberg ihre Arbeit auf.

Stadtbad Lichtenberg: Hoffnung für ein Kleinod