Jürgen Hofmann ist Historiker – seit drei Jahrzehnten befasst er sich mit der Vergangenheit von Lichtenberg

Prof. Dr. Jürgen Hofmann Historiker
Prof. Dr. Jürgen Hofmann, Historiker. Foto: Marcel Gäding

Jeder Beruf hat seine Berufskrankheit – und ja, Prof. Dr. Jürgen Hofmann kann nicht anders, wenn er einen Friedhof oder eine Kirche sieht. Dann nimmt er sich die Zeit, studiert aufmerksam die Namen auf den Grabsteinen oder schaut sich interessiert die Intarsien der Gotteshäuser an. Dass ihn Kirchen und Friedhöfe derart in den Bann ziehen, verdankt Hofmann seiner Berufung. Er ist Historiker mit Leib und Seele. Gerade erst stellte er für Lichtenberg ein kleines, kompaktes Geschichtsbuch zusammen.

Als Hofmann 1970 wegen der Arbeit nach Berlin kam, zog es ihn und seine Familie zunächst in ein Wohnheim und kurz darauf in eine Wohnung an der Dolgenseestraße. Später, in den späten 1970er-Jahren, erhielten die aus Leipzig zugezogenen Hofmanns ein Quartier an der Falkenberger Chaussee. Und damit beginnt der erste gute Zufall: Damals lag die eine Wohnung im Stadtbezirk Lichtenberg, die andere im Stadtbezirk Hohenschönhausen. Heute befinden sich beide Orte im 2001 entstandenen Fusionsbezirk Lichtenberg. Während sich Hofmann tagsüber an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften mit der Geschichte Preußens beschäftigte, engagierte er sich in seiner Freizeit als Mitglied der Gesellschaft für Heimatgeschichte im Kulturbund. „Mich hat schon immer das historische Umfeld der Gegend interessiert, in der ich gerade wohnte“, sagt Hofmann heute.

Nach der Wende musste sich der gebürtige Sachse jedoch zunächst auf neue berufliche Verhältnisse einstellen, „denn ich gehörte zu jener ostdeutschen Intelligenz, für die es keine Zukunft mehr gab“. Zwischendurch bezog er sogar einmal Arbeitslosengeld. „Richtig arbeitslos war ich aber nie.“ Nach der Auflösung seines Instituts ging Hofmann neue Wege, widmete sich nun auch verstärkt der DDR- und SED-Geschichte. Sein privates Engagement galt der Kommunalpolitik, für die er seit 1995 erst in Hohenschönhausen und später in Lichtenberg im Einsatz war. Er leitete die PDS-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung, und aktuell steht er für die LINKE dem Ausschuss für Stadtentwicklung vor. Im Kulturausschuss begleitete er die teilweise zähe Debatte um ein neues Wappen für den Fusionsbezirk.

Geschichte als Betätigungsfeld

Immer wieder holte ihn die Geschichte als Betätigungsfeld ein. Bis heute. Für Vereine ging er im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen auf Spurensuche. 1994 war das Kriegsende im Ostteil Berlins sein Thema, was in Marzahn zu einer Ausstellung Hofmanns führte. Hohenschönhausens Vergangenheit verfolgte er als Bewohner und Bezirksverordneter. Hofmann lobt in diesem Zusammenhang die unzähligen Heimatforscher, zu denen er sich später dann auch zählte. Seit zwölf Jahren erforscht er den Zentralfriedhof Friedrichsfelde. 2005 verschlug es ihn auch nach Karlshorst, wo er auf den Spuren früherer Bewohner wandelte. „Alles konzentrierte sich bis dahin auf die frühere Geheimdienstzentrale des KGB“, erinnert sich Hofmann. Er aber wollte wissen, wie es sich im Süden Lichtenbergs lebte und welche Persönlichkeiten dort wohnten. So entdeckte er, dass der frühere SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Erich Ollenhauer in den 1920er-Jahren in Karlshorst lebte. „Karlshorst war eine Gegend, in der sehr viele aufstrebende Intellektuelle und Angehörige der Mittelschicht lebten“, sagt Hofmann. Für den Verein Agrarbörse durfte der 70-Jährige in den Jahren 2007 und 2008 schließlich sein ganzes fundiertes Wissen zusammentragen. Er übergab es ans Archiv des Heimatmuseums. Vergangenes Jahr griff die Sammlung auf Hofmanns Recherchen zurück, bat ihn um Aktualisierung. Im August 2013 erschien von Hofmann anlässlich des 725-jährigen Jubiläums das Buch „Lichtenberg. Kurze Geschichte eines Berliner Bezirks“. Sein Job bestand darin, neben seinem Material auf die guten Zuarbeiten anderer Heimatforscher zurückzugreifen, sie zu komprimieren und aufzubereiten.

Kein Werk Einzelner

„Das Buch ist also keineswegs das Werk eines Einzelnen“, sagt Hofmann ganz bescheiden. Neben den privaten Heimatforschern bot ihm das Heimatmuseum Lichtenberg eine wertvolle Unterstützung. Sie alle haben gute Arbeit geleistet, bescheinigt Hofmann, der sich nicht mit fremden Federn schmücken will. Der Historiker ist jedoch froh, die eine oder andere Lücke in der Lichtenberg-Chronik geschlossen zu haben. Das wirklich lesenswerte und ansprechend aufbereitete Kompendium ist derzeit gut nachgefragt in den Buchhandlungen Lichtenbergs.

Etwas Besseres, als das Ergebnis von drei Jahrzehnten Heimatforschung in ein Buch zu pressen, konnte Hofmann nicht passieren. Doch die Hände legt Hofmann nicht in den Schoß – im Gegenteil. Im Zuge seiner Recherchen stieß er eher auch auf Unterlagen Oskar Ziethen betreffend. Der war von 1908 bis 1920 Erster Bürgermeister und Oberbürgermeister von Lichtenberg. Viel geben die Archive nicht über Ziethen her. Ein Faksimile, das die Annahme des Bürgermeister-Amtes bestätigt, liegt in Potsdam. Dort stieß er auch auf einen handgeschriebenen Lebenslauf des früheren Bürgermeister. Details zu Ziethen, der in Stettin geboren wurde, einen Zwillingsbruder hatte und in einer Militärfamilie aufwuchs, sind jedoch rar. „Da gibt es für mich noch jede Menge zu tun.“

Weitestgehend abgeschlossen ist inzwischen die Geschichte um die vielen Wappen Lichtenbergs, die schließlich 2006 in der Verleihung des jetzigen Wappens mündeten. „Erwiesen ist, dass die auch im alten Wappen aufgehende Sonne einmal rot gewesen ist“, sagt Hofmann. Dem Thema widmet Hofmann ein eigenes Kapitel, denn es spielt im Geschichtsunterricht der Lichtenberger Schulen eine Rolle. „Es ist noch gar nicht so lange her, da erfuhr ich, dass eine Lehrerin noch das ganz alte Lichtenberger Wappen im Unterricht behandelt.“ Sie hatte schlichtweg die Diskussion um das neue Wappen des Fusionsbezirks verpasst.

Jürgen Hofmann wünscht sich, dass das von ihm zusammengetragene Werk Bestandtteil des Geschichtsunterrichts an Lichtenberger Schulen wird und Regionalgeschichte dadurch Anerkennung erfährt. Wer den Historiker persönlich erleben möchte, kann dies bei einer seiner Führungen über den Zentralfriedhof Friedrichsfelde oder das Rathaus Lichtenberg machen.

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