Manfred und Marianne Höhne kreieren hölzerne Darsteller für ein Puppentheater in Österreich

Beilage Lichtenberg Puppentheater Südtirol Höhne
Marianne und Manfred Höhne,kreative Köpfe. Foto: Gerd Engelsmann

Der Arbeitsplatz von Marianne Höhne ist für diesen Job etwas ungewöhnlich, aber zweckmäßig. Zwischen Mehl- und Zuckerdosen, Suppenkellen und Töpfen hat die Künstlerin Platz geschaffen. Durch das Fenster mit Blick auf kahle Kirschbäume fällt sattes Tageslicht. Auf der Arbeitsplatte liegt die Farbpalette – und vor ihr ein Holzkopf, der jetzt ein Kasper werden soll. Konzentriert verpasst ihm die 71-Jährige rote Wangen und eine gesunde Gesichtsfarbe, arbeitet Konturen aus und sorgt für den letzten Schliff. Ihr Mann Manfred sitzt derweil in der Werkstatt nebenan und bearbeitet mit einem Schnitzeisen den Nachschub. Gezählt haben sie die Puppen, die in Hohenschönhausen entstehen und dann regelmäßig an ein Puppentheater nach Österreich geliefert werden, nicht. Vielleicht sind es schon 70. Es können aber aber auch 80 sein.

Der Auftraggeber von Höhnes ist ein Freund, den es vor einigen Jahren nach Österreich verschlug. Der aus Berlin stammende Puppenspieler Andreas Ulbrich wollte dort zunächst nur Vorbereitungen treffen, um später seinen Altersruhesitz in die Alpenrepublik zu verlagern. Doch irgendwann ließ er auch in Österreich seine Puppen tanzen. „Vor einigen Jahren fragte er mich, ob ich ihm nicht mal einen König liefern kann“, erinnert sich Manfred Höhne. Der 72-jährige Diplom-Designer zögerte nicht lang und schuf für Ulbrich die erste hölzerne Figur: Ein Kopf mit großen Augen und markanten Gesichtslinien.

Inzwischen haben Höhne und seine Frau, die Kunsttherapeutin Marianne, die Puppen für Inszenierungen wie „Kasperl in der Zauberflöte“ oder „Faust“ kreiert – und an eine gute Tradition angeknüpft. Seit mehr als 30 Jahren gestalten sie aus Holz Skulpturen. Alle sind irgendwo in ihrem kleinen Haus an der Niehofer Straße anzutreffen. Und alle erzählen eine Geschichte, meist von Liebe. „Die Vorlagen lieferten häufig die Erlebnisse von Freunden“, sagt Manfred Höhne und zeigt auf die „Gehörnten“ – Männer aus Holz, die sich eine Liebhaberin teilten. Selbst im Badezimmer sind Figuren, Bilder und Poster der Künstler zu sehen.

Auf dem Grundstück tauchen alte Öllampen neben selbst geschaffenen Windspielen auf. Vom Schaukelstuhl aus können Höhnes auf ihr größtes Werk blicken – einen über anderthalb Meter großen Kasper, der auf der Terrasse steht. Das Anwesen der Beiden wirkt verwunschen zwischen all den Musterhaus-Katalog-Behausungen der Neuzeit.

Höhnes Werke sind Ausdruck jahrzehntelangen künstlerischen Schaffens – wenngleich sie die meiste Zeit ihres beruflichen Lebens als Werbefachleute des ostdeutschen Gummiherstellers Pneumant verbrachten. Jetzt, wo gleichaltrige Senioren Kreuzfahrten unternehmen oder die Winter auf Mallorca verbringen, machen sie sich einen Namen mit der Puppenschnitzerei.

Ohne Arbeitsteilung funktioniert die Geburt der Puppen bei Höhnes nicht. Während Manfred Höhne aus unscheinbaren, leichten Holzklötzen in seiner gut sortierten Werkstatt Figuren herausholt, „gibt ihnen meine Frau den Rest“. Er vertraut ihr blind und hat nichts an ihrer Farbgestaltung auszusetzen.

Morgens, beim langen Frühstück, besprechen sie ihren Tag. „Danach zieht sich jeder zurück: Mein Mann geht in seine Werkstatt, ich arbeite in der Küche“, sagt Marianne Höhne. Nur zum Mittag und zum Abendessen kommen sie wieder zusammen. Ihr Auftraggeber Andreas Ulbrich lässt den beiden Künstlern aus Alt-Hohenschönhausen freie Hand und weiß selbst nie, wie seine Hauptdarsteller am Ende aussehen.

„Bei einigen Puppen fällt es uns sehr schwer, sie abzugeben“, sagt Marianne Höhne. Denn zu jeder Figur bauen sie eine Beziehung auf. Über die einzelnen Gesichtszüge oder die farbliche Gestaltung entscheidet der Bauch – Vorlagen gibt es keine. Hin und wieder gehen Manfred und Marianne Höhne auch ins Puppentheater. Meist, wenn Andreas Ulbrich in Berlin gastiert. Dann beobachten sie ganz genau die Reaktionen der kleinen Zuschauer. „Der schönste Lohn ist das Glänzen in den Augen der Kinder“, sagt Marianne Höhne.

veröffentlicht am 16. Januar 2014, Autor: Marcel Gäding

Galerie: Zu Gast bei Marianne und Manfred Höhne in Hohenschönhausen

Der Alpenkasper kommt aus Hohenschönhausen
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